20. Mai 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Herzlichen Dank für deinen Brief. Wann sehen wir uns wohl einmal, um uns über die Prüfungen dieser Zeit — Antonius besucht den Hl. Paulus!! — miteinander zu ergehen? Ich las dieser Tage Birts (Marburger Historiker) Buch über Spätrom1 mit guten Zusammenfassungen über Constantin, Julian Apostata, Augustin und fand alle Aufstellungen grundsätzlicher Art, die wir von Overbeck her über Geschichte und Urgeschichte des Christentums haben, gerade für diese verhängnisvolle Zeit der entstehen|491den Weltkirche erstaunlich bestätigt: der Verrat an die Welt in vollem Gange, das Religionsgewimmel vermehrt. Es ist, als ob dieser Profanhistoriker gerade unter diesen Overbeckischen Gesichtspunkten geschrieben hätte, und ich habe mich wieder einmal gewundert, wie unwissend, Gogarten würde sagen, wie ungebildet, theologische Historiker, bei denen ich einst Kirchengeschichte gehört hatte, über ihre eigene Disziplin reden. Fürchte dich nur nicht zu sehr wegen der Löcher in deinem Schulsack. Du weißt wenigstens darum!

Emil Brunner! ich habe gelacht, als ich deine Karte an ihn und seinen aufgeregten Brief an mich las, und habe ihm heute auseinandergesetzt, daß seine Einwände betr. die Absolutheit des Christentums auf einer Ebene liegen, die er schon verlassen haben sollte. Übrigens ist Brunners Glaube an dich sicher echt. Er sandte mir vor einiger Zeit aus Versehen einen Brief an einen Vetter in Bern, worin er allerletzte Worte über dich braucht und von größten Hoffnungen redet, die auf dich zu setzen seien. Heuchelei liegt ihm also sicher fern. Ein einsichtiger Brief von Dehn liegt bei, der von Mennicke handelt. […] Im Übrigen: die Klage um dich verstummt nicht in meinen Gedanken und in unserm Hause. Es ist mir aber völlig klar, daß du gehen mußt.

Herzliche Grüße dir, Nelly und Fritz Lieb von uns Beiden!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Th. Birt, Charakterbilder Spätroms und die Entstehung des modernen Europa, Leipzig o.J. (1919). 📖↩