17. Mai 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Gogarten hielt mich vom Durcharbeiten deiner Manuskripte 📖 ab; er nahm mich ganz in Beschlag, und auch dein Röm. 6 gab mir viel zu denken. Doch mehr als Gogarten und Römerbrief |487 liegt mir Göttingen, jetzt wo es ernst gilt, auf der Seele. Ich komme mir ganz verlassen und abgekappt vor. Dein Schritt führt auch mich ins Dunkle, macht mich einsam und unsicher. Zorn über die Schweiz ist bei mir haufenweise da. Der Neid und die gewisse Angst der hier Tonangebenden, mit der sie dich in den weiten deutschen Raum ziehen sehen, ist das Einzige, was mich freut. Jetzt können wir nicht mehr in Safenwil über sie und einige andere lachen. Dein Weg ist wahrhaftig noch ganz anders als der meinige ein Abrahamssteig. Das weiß ich genau. Und sobald ich an diese Seite der Sache denke, weiß ich auch, wie notwendig jetzt alles so gehen muß, wie es geht, und daß das uns beiden nötige Maß an persönlicher Verbindung auch künftig möglich und gegeben sein wird. Deine Themata für das kommende Semester finde ich trefflich.

Ich für mich mache Dostojewski 📖 druckfertig und blicke der merkwürdigen Erscheinung Gogartens noch immer mit einigem Staunen nach. Merkwürdig ist mir an ihm, wie er ganz anders als wir sozusagen unter Umgehung der Bibel den Weg ins Zentrum gefunden hat. Er wollte denn auch von deinen Römerbriefstücken 📖 nichts vorgelesen haben, als ob ihn dein Weg doch nicht so viel anginge. Natürlich wird er dein Buch, wenn es ganz vorliegt, als einer der ersten lesen. Im Übrigen ist er ein raffinierter Kulturmensch, kennt Italien und Goethe und erst recht die Moderne, bei gewissen Mitteilungen über etwas besonders Exquisites aus dem Kunstgebiete pfiff er nur leise, kennerhaft durch die Zähne wie ein Feinschmecker in Erinnerung an Austern und Champagner. Umso erstaunlicher und wertvoller an ihm ist seine Aufhebung der Kultur in ihren letzten Werten. Wenn es bei uns wieder einmal zu einer Ethik kommen soll, wird Gogarten dank seiner Kulturkenntnis Gewichtiges zu sagen haben.

Nächstens müssen wir uns wieder einmal sehen. Das wäre äußerst nötig. Auf dem Bergli? Herzlichste Grüße und nachträgliche Geburtstagswünsche!
Dein
Eduard