485
13. Mai 1921
Hier allerlei zurück und Hierseitiges zur Einsicht: 1. ein weiteres Stück Röm. 7
📖, teilweise etwas scharfer Tabak. Das Füllhorn dieser Dialektik will sich nimmer erschöpfen und leeren. Es wird ein unerträgliches Buch geben und mich dauern schon jetzt die Leser, die allen diesen Mäanderwindungen folgen müssen. Sieh gut nach, ob alles ungefähr stimmt und ob irgendwo noch ein Gelenk mehr wünschenswert wäre. Ich fürchte, was nächste Woche drankommt, wird noch schlimmer. Die Mitteilungen der 1. Auflage
📖 sind gerade in dieser Gegend recht dürftig, soviel ich mir damals darauf einbildete und so gut sie dem Publikum gefielen. 2. Mein Kirchenbericht,1 von unserer getreuen Coiffeuse sauber abgeschrieben, beim schwarzen Kaffee zur Erholung zu durchgehen, wahrscheinlich also mein Abschiedswort an die aargauische Kirche. Ich schrieb es in ziemlichem Grimm, wie in alten Zeiten. Was aber erwartet mich in der reformierten Kirche von Hannover?! Wahrscheinlich werde ich dort zunächst in einer ganz andern Maske auftreten müssen. 3. Allerhand Kurier, z.T. mit wunderlichen Dingen. […]
Am Dienstag feierte ich nachdenklich und mit einem geschwollenen Backen meinen 35. Geburtstag. Ich hätte eigentlich Harnack zu seinem 70. begrüßen sollen! Aber das Hosianna, das ihm in der «Christl. Welt» dargebracht wurde,2 nahm mir den Atem. Mein Geburtstagstisch war wieder fast wie letztes Jahr: ganze Türme von Chokolade, Kaffee, Tabak, Stümpen, Kuchen und eine Wurst. So feiern mich die, die mich aus der Nähe kennen!
Denk ich habe nun für fünf Sonntage — Fritz Lieb engagiert! Er kommt nächste Woche hieher und wird am Sonntag nach |486 Pfingsten anfangen, nachdem er vor 8 Tagen, wo wir übrigens unsern Jüngsten tauften, einen Probevortrag absolviert, der hoffnungsvoll gewesen sein soll. Ich konnte ihn nicht selbst hören, da ich für den erkrankten Schild [in Uerkheim] einspringen mußte. Hoffentlich bereitet mir Fritz keine kommunistischen Überraschungen. Er scheint aber wirklich ein guter Kerl zu sein, und ich werde ihm fünf Wochen lang fleißig zusprechen, wenns nötig sein sollte.
Gestern Abend fiel in Göttingen die Entscheidung; doch bin ich noch ohne Nachricht. Ich grüble an — Überschriften für zu haltende Vorlesungen, die ich wohl alsbald werde eingeben müssen, und denke an «Die Hauptbegriffe der paulinischen Theologie» 2-3-stündig und «Übungen über Schleiermachers Darstellung des theologischen Studiums», um auch den Angriff gleich zu eröffnen. Wie sieht er dich an?
Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite