6. Mai 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Ich war in Basel und habe die ganze Piste abgeschritten, reiste aber eher gern von dieser seltsamen Stadt ab, nachdem mir noch einige in besten Familien eben vorgefallene wahrhaft karamasoffische Begebenheiten das Bild gerundet hatten. Ich möchte jedenfalls noch nicht Pfarrer in Basel sein. Es ist auch keine Gefahr, daß es unsereiner wird. Aber deutlichstes Reden mit dieser Kirche wäre jedenfalls am Platz. Im Übrigen war es ein genießerisches Wandeln über alle die Plätze, Gassen und Rheinbrücken. Ich hörte mir auch noch drei gerade stattfindende Examenspredigten an und dachte, es müßte doch irgendetwas anderes aus diesen ersten «Zeugnissen» zu hören sein, wenn auch nur ganz von ferne etwas wie ein großes Erschrecken! Wenn doch diese Studenten einmal in deinen kommenden Vorlesungen sitzen könnten! Die Frau von Lukas Christ machte uns treffliche Schilderungen von Göttingen, pries seine schöne Umgebung und die gesunde Meeresluft, die dort schon zu spüren sei, Waldspaziergänge und dergleichen. Es wird ja nun doch ernst, und da gilt es, neben allem Problematischen, wovon auch zwischen Gogarten und mir dieser Tage viel die Rede ist, auch die paar Pluspunkte zu sehen, die da sind. Gogarten läßt grüßen, er sitzt am Tisch und liest durch eine Hornbrille von bedrohlicher Größe. Er ist von unschätzbarem Werte gerade in seiner Andersheit.

485 Herzliche Grüße dir und Nelly und Fritz Lieb. Nächste Woche schicke ich dir die Römerbriefstücke 📖 zurück.
Dein
Eduard