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18. März 1921
Leider, leider noch immer kein Manuskript
📖. Die erste Hälfte von Röm. 6 ist unerhört schwierig. Ich komme fast nicht vorwärts in diesem Couloir, mußte, schon bei Vers 8 angelangt, gestern Alles wieder umwerfen und von vorne anfangen. Daß Paulus den fliegenden Vogel1 meint, ist gerade hier mit Händen zu greifen, umso schlimmer für mich. Die 1. Auflage
📖 ist hier ungewöhnlich unbrauchbar, ich sehe mich genötigt, sogar eine neue grammatische Kategorie aufzustellen, das unzeitliche «Futurum resurrectionis». Aber ob da irgend etwas Deutliches herauskommt? Und es wäre doch gerade hier so wichtig, denn die Stelle ist irgendwie die Achse, um die sich der ganze Brief dreht. Wahrscheinlich wird dem Leser daselbst nur ein Loch sichtbar werden. Vor Ostern bringe ichs nun sicher nicht mehr fertig. Nachher will ich dann einen erneuten Anlauf nehmen. Böse Zeiten.
Die Befürchtung, die ich dir in München äußerte, wir könnten die Ovationen, die man uns als «religiösen Persönlichkeiten» in Deutschland so freigebig spendet, büßen müssen, erfüllt sich wenigstens an mir in peinlichem Grade. Ich kam mir schon lange nicht mehr so klein und häßlich vor wie in diesen Wochen. In Safenwil war ich doch in diesen 10 Jahren ein bedenklich unnützer Knecht, und was für neue Hohlräume werden erst in Göttingen sichtbar werden, wenns überhaupt dazu kommt, was ich |478 oft lieber nicht wünschte, wenn ich nicht sähe, daß es hier eigentlich nicht mehr geht. Ich stehe bald buchstäblich in der Luft.
Heute sammelte ich die üblichen Schlußaufsätze meiner Konfirmanden ein, und es war eine bedenkliche Mißernte. Das Beste ist noch, daß sie fast unisono mitteilen, das Christentum sei etwas überaus Schwieriges, und man sollte 20 Jahre alt sein, um es besser zu verstehen. Die Guten, wenn sie wüßten! Daneben breite Schichten von aargauischem Moralin, die von der Säure, mit der ich sie bearbeitet zu haben meinte, ganz unversehrt sind. Überdies ist die intelligenteste meiner Konfirmandinnen letzten Sonntag aus Überdruß an häuslichen Verhältnissen nach Zürich durchgebrannt und gestern von einem Detektiv wieder eingebracht worden, wobei sich ergab, daß sie schon vor zwei Monaten einen kleinen Selbstmordversuch mit Lysol unternommen. Knüppeldicker Pharisäismus der andern natürlich, mit denen sie ohnehin im Krach lebte. «Das sind jetzt die Früchte seiner religiössozialen Tätigkeit», würde der Vater von Gottfried Ludwig lachen, und ich weiß wirklich noch nicht, wo ich den Atem hernehmen soll, um auch dazu das Allerletzte zu bemerken am Karfreitag.
Hier mit dem deinigen einigen hierseitigen Kurier. Joh. Müller nötigt mich mit Teufels Gwalt ihm zu antworten; ich werde mich nach Ostern an die unangenehme Aufgabe machen müssen. […] Am Sonntag Predigt über Matth. 24,29–31!
Mit herzlichen Grüßen dir und Marguerite
Ich unterrichte zwei ganz schwache Knaben privatim und komme über die Sacherklärung des biblischen Bilderbuchs
📖 tatsächlich fast nicht hinaus. Vier Mädchen (von im Ganzen 20 Kindern) sind fast ebenso schwach. Und die «Starken» sind wie oben gesagt entweder unverbesserliche Moralisten, oder sie entweichen nach Zürich! Ich habe nun im Sinn, sie samt und sonders noch persönlich vorzunehmen. Am Mittwoch und Donnerstag haben wir zum Überfluß meiner Bedrängnis noch Schulexamen.