16. März 1921

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Vielen Dank für deinen Brief. Der kumulierte «Karl Barth» wäre als Abschiedskuckucksei doch schön gewesen. In einem offenbar lutherischen Kirchenblatt werde ich zum «bekannten Führer» befördert, offenbar damit man umso besser ein Geschäft mit mir machen kann. O diese Buchhändlerreklame! Meine Lektüre war ein schönes Buch von Stefan Zweig über Balzac — Dickens — Dostojewski,1 fast alles an diesem Buch ist gut und dazu geistvoll und glänzend gesagt. Solche Künstler wie Zweig mit ihrem innern Bemühen sind unsere nächsten Verwandten! Herpels scharfsinniges und wohlgezieltes Reden hat auch meinen Beifall. Nun kommen die Festtage, und ich muß meinen Dostojewski 📖 wieder bei Seite legen wie du den Römerbrief 📖 und versuchen, in eine volle Kirche hineinzusagen, was doch noch immer am besten das geheime Gespräch zwischen dir und mir bliebe. Ich komme mir manchmal in so unguter Weise so unbeteiligt vor am ganzen Unternehmen der Kirche, sitze tageweise daheim, lese, schreibe, und ohne es zu wollen, bildet sich etwas wie eine esote|477rische und eine exoterische Sphäre aus immerhin unter dem Vorbehalt, daß mir die Menschen als solche nie gleichgültig sind. Sie zu verstehen hilft mir gerade Dostojewski.

Herzlich
Eduard

Sachfußnoten

1
St. Zweig, Drei Meister: Balzac — Dickens — Dostojewski (1920), als Bd. 1 aufgenommen in: Die Baumeister der Welt. Versuch einer Typologie des Geistes, Leipzig 1929. 📖↩