16. Februar 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier marschiert nun vor allem Adam auf mit allen seinen Vorder- und Hintergründen [Röm 5 📖]. Auch er hat alle Gutmütigkeit, die ihm etwa in der ersten Auflage 📖 noch anhaftete, fahren lassen und sich in weltferne Unanschaulichkeit verpflanzen lassen müssen. Es hat mich gerade 10 Tage angestrengtester Arbeit gekostet, und ich bin froh, daß ich dieses Couloir hinter mir habe. Sieh aber genau nach, ob alles in Ordnung ist: etwa wie die Wagenkontrolleure auf den Bahnhöfen, die mit langen Hämmern an jedes Rad klopfen, ob es nicht etwa einen Sprung habe! Ich war über deine letzten Anmerkungen wieder sehr froh und habe sie alle zu Ehren gezogen. Nur keine Umstände, wenn irgendwo ein Schaden ist; man übersiehts in der Hitze des Gefechts gar leicht, wenn irgendwo ein Sprung ist. Ich frage mich oft, ob und |468 wo und wann ich wohl das nächste Mal an allen diesen Klippen und seltsamen Löchern vorbei den nachgerade wohl bekannten Weg durch den Römerbrief zu ziehen habe? Nun jedenfalls war ich die ganze Woche sehr viel aufmerksamer und eifriger in diesen urgeschichtlichen Zonen, mit den berühmten Katzenaugen Overbecks im Dunkel Umschau haltend als in

Göttingen. Hier hast du den ganzen diesbezüglichen Kurier. Ohne [Ernst] Staehelins Beilagen, die wenig Wichtiges enthalten außer der Tatsache, daß Bertholet wahrscheinlich entschieden lieber ihn gehabt hätte. Letzte Woche herrschte bei uns entschieden mehr Stimmung zum Abbrechen der Verhandlungen. Die miesen Seiten stellten sich eine um die andere hervor. Du ersiehst sie selbst aus den Briefen. Es ist alles ziemlich power und fragwürdig, durchaus kein glänzender Ruf und dortseits offenbar auch nicht allzu große Freudigkeit mich aufzunehmen. Ob man mich z. B. nach Marburg in ein Licentiaten-Examen schleppen will, oder was soll das mit der «Graduierung»? Das mit dem Vortrag sah mich auch gar nicht gut an, eine Art Probevorlesung sollte das doch wohl sein. Ich habe das abgelehnt: 1. habe ich keine Zeit, jetzt ins Blaue hinein einen Vortrag zu machen. Bei uns in der Schweiz habe man nämlich keinen solchen im Ärmel,1 2. seien mehrere Vorträge von mir gedruckt zu haben, 3. sei ich jetzt noch Pfarrer, und man könne nicht von mir verlangen, daß ich mich jetzt schon als Akademiker ausweise, 4. sei ich aber bereit, wenn es ihnen Freude mache, mich zu hören, am 27. in Göttingen zu predigen, wonach ich überhaupt auch im Hinblick auf eine Dozentur am liebsten beurteilt sei. Wenn dieser Bescheid sie abschrecken sollte, so ists klar, daß ich besser unberufen bleibe. Die Liste Staehelin — ich — Max Haller2 macht ja wirklich einen seltsamen Eindruck von Unklarheit über das, was sie dort eigentlich wollen. Ich fürchte, Heilmann3 hat kaum etwas von mir gelesen, sondern will mich einfach «im Glauben», teilweise im Glauben an die trefflichen Männer in Bern und Erlangen. Nun, das wird sich nun bald alles aufklären. Am Mittwoch breche ich hier auf, zunächst bis Basel, um dann am Donnerstag in hohe See zu gehen, nicht ohne Pfeife, |469 Proviant und angemessene Lektüre. Von Sonntag 27. an bin ich dann auf der Rückreise. Mach, daß du ungefähr am Dienstag in München bist (ich mache jedenfalls Halt in Erlangen, um Müller aufzusuchen). Wir werden jedenfalls über vieles zu reden und zu lachen haben, mag es mir so oder so gegangen sein mit Stange, Titius4 und anderen Würdenträgern. […]

Wir sind durchaus in ruhiger Verfassung, im ganzen geneigt, die Sache, sehe sie uns an wie sie wolle, wenn es irgend geht, ernst- und anzunehmen, aber sofort bereit, zurückzutreten, wenn dort oder hier etwas nicht klappt, was klappen müßte. […] Die Notwendigkeit, zuerst eine Zeitlang Extraordinarius oder sogar Honorarprofessor zu sein, macht mir schließlich nicht viel aus; wenn wir ja nur leben können. Wir überlegen viel an den praktischen Fragen herum und ich im Stillen an den sachlichen. Ich stelle mir vor, daß ich zunächst kein systematisches Hauptkolleg lesen würde, sondern etwas Präludierendes, etwa «Die Auferstehung der Toten als Voraussetzung christlicher Theologie, im Anschluß an 1.Kor. 15» oder so etwas. Dazu vielleicht eine Calvin-Vorlesung und in den Übungen Institutio 📖. Aber die Wolkenbilder, die mir dazu durch den Kopf ziehen, können sich noch oft verschieben. Meine Hauptsorge in Göttingen wird sein, mir Ellenbogenfreiheit zu verschaffen, damit niemand mich hindern kann, die merkwürdigsten Themata anzukündigen und Disziplinen nicht zu behandeln, die es nach unsrer Lehre gar nicht geben darf. Wenn aus allem gar nichts wird, so werden wir keine Tränen vergießen. Wir haben zuviel aufzugeben in der Schweiz, als daß das nun sein müßte. Vielleicht, daß ich mich mit der Predigt dort unmöglich mache. Ich gedenke eine zu bauen über «Gebt dem Kaiser …» [Mt 22,15–22], wobei vielleicht einige Mitteilungen über unsre Stellung zur Theologie einfließen könnten, im ganzen eine Passionspredigt […]. Mißlingts mir, so nehme ich eine von den schon gehaltenen. Es kommt auch darauf nicht viel an.

Das Pastoralblätterheft wurde auch bei uns froh herumgereicht. Ein andermal mehr; es ist spät. […] Herzlich grüßen wir euch Beide!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Im Ärmel haben = aus dem Ärmel schütteln.↩
2
Max Haller (1879–1949), Privatdozent, später Prof. für A. T. in Bern.↩
3
Johann Adam Heilmann (1860–1930), 1896-1920 Pastor der reformierten Gemeinde in Göttingen, seit 1907 Moderator der Konföderation reformierter Kirchen in Niedersachsen, maßgeblich beteiligt an der Errichtung des Lehrstuhls für reformierte Theologie in Göttingen und an Barths Berufung.↩
4
Arthur Titius (1864–1936), Prof. für systematische Theologie, verließ Göttingen und folgte einem Ruf nach Berlin zum Wintersemester 1921/22, als Barth seine Göttinger Professur antrat.↩