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28. Dezember 1920
Eben wollte ich dir schreiben, als die Post mit den Basler Nachrichten eintraf, in denen ich erst nach gründlichem Studium der Totentafel und der Ereignisse von Fiume1 auf unsres Spe|456zialfreundes W. Köhler neueste Leistungen2 aufmerksam wurde. Du wirst zur selben Stunde mit demselben Befremden und Verstehen davon Kenntnis genommen haben. Zusammengenommen mit Phänomenen wie dem Puff, den Ragazens rührendes «Kind» mir versetzen durfte3 (wie ungezogene Kinder das etwa tun) und mit Hadorns Drohung,4 im letzten «Kirchenfreund», ich komme nun bald an die Reihe, vervollständigen sie ja nur das Bild, das wir ohnehin von der Lage haben, und erinnern daran, zur Vorbereitung unserer Frühjahrsoffensive unser Bestes zu tun. Dabei wirst nun freilich du die Gräben zunächst allein zu verlassen haben mit deinem «Dostojewski
📖». Vielleicht daß es dir gelingt, dem kopfschüttelnden Schriftgelehrten in Zürich das psychologische Phänomen, das keines ist, einigermaßen anschaulich zu machen. Was du uns hier davon mitgeteilt hast, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen. Daß dieser Schlag kommt und sitzt, ist umso notwendiger, als die Vollendung des neuen Römerbriefs
📖 sich, wenn kein Wunder geschieht, sicher in den Sommer hineinzieht. Ich habe, seit du hier warst, keinen Streich mehr daran geschafft und werde den Weg über den Grat, der jetzt mit all seinen Absturzgelegenheiten steil vor mir aufsteigt, nur langsam schreitend, pickelnd und kletternd zurücklegen können.
Hier ein neuer warnender Brief von Heiner. Schreib mir doch rasch, was du davon hältst. Auf Einsicht in mein Manuskript beruht er nicht, sondern mehr auf dem Eindruck, den er von meinem ganzen Gehaben und offenbar auch von meiner, wie ich meinte, wohl überlegten Antwort auf seinen letzten Brief hat. Die entscheidenden Sätze dieses Briefes sagen mir wirklich nichts Neues. Daß alles, auch das energischste «Aufheben» selbst wieder aufgehoben ist, daß das Ja und das Nein zweifach gestaffelt zu denken sind, daß die diesseitigen Lebensinhalte nicht Realitäts-, wohl aber Zeugniswert haben, das kommt alles in unserer Lehre auch vor. Verstehe ich da etwas nicht, oder stehen wir da mit der philosophischen Polizei auf dem Punkt, wo wir ihre Warnung hören müssen, ohne ihr zu gehorchen? Vorläufig überwiegt bei mir gegenüber diesem Brief das dunkle Gefühl, daß im Römer|457brief des Paulus das dialektische Perpendikel alle Anstalten treffe, das Perpendikeln überhaupt aufzugeben, und irgendwie wird diese den Philosophen natürlich fatale Tendenz in der zum Vorschein kommen müssen, auf die Gefahr hin, daß wir auch von der befreundeten oder sogar verbündeten Philosophie eine weniger gute Note bekommen. Aber sag du mir, was du davon hältst: du warst von jeher scharfsichtiger als ich im Erkennen solcher Nachbargeister.
Und nun ist die Weihnacht wieder einmal hinter uns. Was magst du den St. Gallern bei diesem Anlaß mitgeteilt haben? Ich lege dir hier meine zwei Predigten zur An- und Einsicht vor. Hier hat alles, in Haus und Gemeinde, einen guten stillen Verlauf genommen. Wir standen insofern treu in der Reihe der andern mehr oder weniger beliebten Pfarrer, als ich es nicht verhindern konnte, daß die Konfirmanden mir einen enormen Schinken verehrten, und als zu zweien Malen Pakete mit 2 resp. 3 ansehnlichen Kuchen anonym vor unserer Haustüre deponiert wurden. Das Christkindlein hat uns überhaupt verdächtig viel zu essen gebracht; es scheint weithin die Tendenz vorzuwiegen, dem gefährlichen und anstrengenden Römerbriefunternehmen wenigstens durch leibliche Ernährung des Verfassers mit Würsten, Honig, Cacao, Leckerli etc. etwas von seiner Schärfe zu nehmen. Zusammen mit den 20 Büchsen englischen Tabaks eine nicht ungute, wenn auch im Blick auf den asketischen Sinn des N. T. etwas fragwürdige Vorbereitung der bewußten Offensive. Einige gute Kunstbücher über Grünewald, Rembrandt und El Greco bemühen sich übrigens, das Gegengewicht herzustellen. […] Gestern habe ich den ganzen Nachmittag und Abend Taufen etc. registriert und Briefe klassiert. Der Band 1920 platzt fast vor Überfülle.
Und nun naht das neue Jahr mit raschem Schritt. Wer weiß, ob uns nicht schon die nächste Weihnacht als Flüchtlinge um den grünen Ofen auf dem Bergli geschart sieht, irgendwie vertrieben wegen allzu heftigen Ausschlagens des Perpendikels? Doch wollen wir jedenfalls vorher all den Ragazen, Hadörnern, Köhlern |458 noch ein wenig die Zähne zeigen und Einiges auf den Kragen schreiben. Also: «Kommt, stärket euren Mut …!»5
Und nun herzlichen Gruß von Allen an Alle!