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6. Januar 1921
Du lässest diesmal lange nichts von dir hören. Bist du krank? […] Wir waren unterdessen die ganze Familie in Madiswil, wo auch Heiner zu sehen war. Die Väter und Onkeln sprachen sich aus, die sechs Kindlein (+ unser Wiener Kind)1 beschnüffelten sich mit einigem Mißtrauen, die Mütter trösteten sich, und ich |459 hielt am 2. die Predigt vor ziemlich gefüllter Kirche. Ein guter Familientag und nicht ohne fahl-gelblich-gerichtliches Oberlicht.
Hier endlich wieder eine Partie Römerbrief
📖 zur Durchsicht. Das Kapitel [Röm 4] ist einer vor dem Einsteigen in die vergletscherten Couloirs zu traversierenden Hochebene im Gebirge zu vergleichen. Es passiert nichts Entscheidendes, aber man bekommt Muße, sich umzusehen, wo man eigentlich hingekommen ist, und kommt in gemächlichem Trapp-Trapp am Seil dem Punkt, wo es losgeht, immer näher. Eine Seltsamkeit dieses 4. Kapitels ist die, daß es selbst schon ein Kommentar ist und V. 7–8 sogar einen Kommentar benützt. Das gibt der Darstellung notwendig etwas Indirektes, Gebrochenes: ich meine, Paulus meine, daß die Genesis meine …, müßte man fortwährend ergänzen. Sag mirs ja, wenn dieses Netz etwa trotz aller Bemühungen, die Maschen auseinanderzuhalten, sich irgendwo verwirrt hat.
Und nun wieder die Deutschen mit ihren Pfingstwochen.2 Mir leuchtet das alles so gar nicht ein. Sie sind unverbesserliche Pläneschmiede, Herpel, der schon wieder ganz ins Rollen gekommen zu sein scheint, besonders, und können mir den Buckel hinaufsteigen. Wenn der Römerbrief einmal fertig ist, so gehe ich in die Wüste und sicher nicht als «Dozierender» in einen solchen Zwölfjüngerkreis. Ich habe zunächst Merz gründlich darüber geschrieben, sie sollten jetzt endlich einmal nüchtern werden und von allen nicht zwingend motivierten Unternehmungen absehen. Wenn Gefahr an Mann komme, seien wir natürlich in ein paar Sprüngen an ihrer Seite; wir liebten aber das Improvisierte und könnten uns durchaus nicht engagieren lassen. Ein Vortrag vor einem weiter offenen Kreis hätte eventuell einen Sinn und ebenso ein ganz gelegentliches Zusammenkommen, aber um Gotteswillen keine solchen Zirkel voll Anspruch und Absicht. Das könnte ein fürchterliches Gericht werden für uns und sie, schlimmer als Marburg. Willst du es übernehmen, diesmal dem Herpel zu schreiben? Ich bin ja nahezu sicher, daß es dir auch graut vor dem «Aspekt», den dieser Prospekt eröffnet. Man sollte ihnen sagen, was etwa in einer aufgeregten Versammlung zu sagen ist, |460 daß jetzt vor allem einmal alle absitzen, die Schuhe ruhig halten und schweigen sollten, damit man sein eigenes Wort verstehe. […]
Mit herzlichem Gruß in Eile
Heiner hat meine Mama über mich getröstet mit einem Verslein, das anfängt mit den Worten:
Lueg Müetterli, was isch im Nai?
He gsesch denn nit: e
jo!3 Sein Platobuch
4 ist erschienen.