10. Dezember 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Deine Bedenken zum Predigtaufsatz 📖 verstehe ich nur zu gut. Ich hatte selbst dieser Tage das seekranke Gefühl, das man bekommt, wenn man dem fatalen Schwanken des eigenen Bootes Aufmerksamkeit schenkt. Aber ich halte ihn nun trotzdem nicht zurück. […] Gestern, obwohl nach Fritz Lieb der Sozialismus von unsrer Tagesordnung abgesetzt sei, ein langes Gespräch mit einem sozialdemokratischen Vorstandsmitglied, der mich um einen Vortrag zur innern Stärkung der Genossen bat. Ich sagte nicht ab.

Vielen Dank für deine Briefe. Dein Hinweis auf die satisfactio vicaria trifft den Punkt, auf den ich gerade auch bei allerlei Überlegungen zu Dostojewski gestoßen bin. Bei ihm ist sie ausgedrückt durch jenes merkwürdig gnädige, aber ganz und gar jenseitige Licht, das auf die Welt fällt. Auch mir entgeht das bedenkliche Kopfschütteln nicht, unter dem wir stehen. Schon dringt aus den sich lichtenden Zuhörerreihen die Klage, ich sage immer das gleiche, und das verstehe man nicht. Berichte mir bald über den Parteitag.

Herzliche Grüße von uns allen
dein
Eduard