26. November 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

445
Lieber Eduard!

Vielen Dank für deine Hinweise vom letzten Mal. Ich habe sie meistens wörtlich übernommen, und du wirst sie dereinst wiederfinden, für künftige historische Theologen eine neue Gelegenheit, ihren Scharfsinn zu beweisen. Wenn wir nicht so von allem Gewohnten abweichende literarische Gepflogenheiten hätten, so hättest du dir bereits eine Ehrenmeldung im Vorwort verdient durch deine Mitarbeit. Ich muß dich nun geradezu bitten, es dir nicht zuviel werden zu lassen, sondern fortzufahren.

Hier also eine weitere Etappe. Sie ist mir sehr schwer geworden, und darum ists diesmal länger gegangen. Als Überschrift zu 3,21 werde ich diesmal einfach «Jesus 📖» setzen. Da müssen nun entscheidende Dinge zur Sprache kommen. Ich sehe dem Abschnitt mit Bangen entgegen. Der Trichter wäre nun nachgerade hohl und weit genug, um «es» zu fassen, aber «es» wird ja sicher auch diesmal nicht gesagt werden, und vielleicht wird der Kontrast zwischen dem Dünnen, Dürftigen, das man da andeuten kann, und den «zackigen Eiswänden», die vorher sichtbar wurden, das endgiltige Gericht über das ganze Buch. Beachte bei 3,1–20 die Weglassung von allerlei Firlefanz, an dessen Stelle sachgemäße Mitteilungen aus den von Paulus selbst zitierten LXX-Abschnitten getreten sind.

Hier einiges Geschriebene und Gedruckte aus Deutschland. Das Beste oder vielmehr Schlimmste fehlt zwar: ein höchst leidenschaftlicher Brief von Rosenstock gegen mich — an Nelly! Das Erlebnis auf der Rheinbrücke zu Säckingen1 spielt darin die Hauptrolle, die drohende Ankündigung der Aufhebung der «Bruderschaft» bildet den Schluß. Es scheinen allerlei Berichte über unsere Gedanken von ihnen über den Rhein getragen worden zu sein, z. B. durch einen «harmlosen Medizinstudenten», der ganz «giftgeschwollen» (nämlich gegen «Patmos») aus der Schweiz gekommen sei. […] Ich, «der Scheinpfarrer von Safenwil, zerfallen mit seiner Gemeinde», wie ich darin «benamst» werde, sitze ganz |446 starr angesichts dieses mich ziemlich orientalisch anmutenden Ereignisses und schwöre mir, in Zukunft mit niemandem mehr Du zu machen, der mir nicht seinerseits beschwört, daß ihm das kein Erlebnis sei.

Bei Merz findest du eine gute Schilderung: Ludwig Köhler,2 der in München auf unsere Spuren stößt und genötigt ist, ein Nach-Vorträglein über das Kreuz zum Besten zu geben. Es könnte einen in der Tat gelüsten, hinzugehen und unsererseits etwas Nachlese zu halten unter seiner Hinterlassenschaft. Aber daraus wird, wenigstens für mich, kaum etwas werden. Ich muß nun an Ort und Stelle Kelle und Schwert rühren. Ich habe auch Herpel, der uns für das Frühjahr nach Hessen bestimmen wollte, abgewinkt, ihn auf den Herbst vertröstet. Sie sollen dann zuerst einmal die 2. Auflage 📖 lesen.

Wie gings oder gehts dir mit Herpel? […] Ich bin gespannt auf deinen Bericht. […] Die neueste Nummer des «Neuwerk» sieht mich wieder ganz fatal an. Du mußt ihm erklären, daß wir uns, wenn sie fortfahren, solches Brunstgeschrei zu machen und (laut Umschlagseite 4) Liebe, Minne, Ehe, Kinder, Familie als «Lebensziele neudeutscher Jugend» zu proklamieren, unmöglich so eng mit ihnen verbinden können, wie sie es seit Marburg offenbar gerne möchten. […]

Ich hörte am Dienstag Heiners Antrittsvorlesung, eine gute Darbietung, mit achtungsvollem Hutlüften gegen uns hin am Schluß. […] Ich hoffe, daß Lempp den Vortrag in Verlag nimmt, er wird sich als Turm neben unsern Rößlein gut ausnehmen. […]

Herzlichen Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Dort hatte Barth Rosenstock das Du angeboten.↩
2
Ludwig Köhler (1880–1956), Prof. für A. T. in Zürich.↩