20. November 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Herpel […]: Ich bin gespannt zu hören, wie er dich ansehen wird. Hier ging alles bis zuletzt gut, vielleicht fast zu gut, als daß man zuviel davon halten darf. Du mußt jedenfalls noch ein gründliches Nachexercitium mit ihm veranstalten. Er erklärte hier in den höchsten Tönen, wie viel er gemerkt und gelernt habe, aber wer weiß, wie das von innen gesehen aussehen mag. […] Du mußt ihm also eine kräftige Dosis Säure zur Nachkur verabreichen. […] Im übrigen glaube ich, daß auch du Freude an ihm haben wirst. Er ist ein ehrlicher lieber Kerl, zu dem wir jedenfalls stehen wollen.

Wir haben hier mächtig die Viehseuche. Aber die Kirche wird zu meinem Leidwesen nicht geschlossen. Ich wäre jetzt gerne unablässig am Römerbrief 📖. Am Dienstag ist Heiners Antrittsvorlesung, bei der er um der «Demonstration» und des Zusammenhangs willen dringend meine Anwesenheit wünscht. Ich weiß nicht recht, wie er das meint, werde mich aber nach Basel begeben und eventuell den anwesenden Theologen ein entsprechendes Gesicht machen. Heiner möchte, ebenfalls um der Demonstration willen, die Vorlesung bei Lempp drucken lassen,1 wozu ich natürlich beide Hände bieten werde.

Morgen trifft Reitzenstein wieder hier ein. Merkwürdige Zeiten!
dein
Karl

Sachfußnoten

1
H. Barth, Das Problem des Ursprungs in der platonischen Philosophie, München 1921. 📖↩