17. November 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Da kommen weitere «Mitteilungen». Erstens was ich «als Vorwort» vor das Ganze setzen möchte (unter Weglassung des ersten Vorworts!).1 Bengel sagt eigentlich alles, ich könnte, was gegen Jülicher und Wernle, zu Freund und Feind gewendet, zu bemerken wäre, doch nur «auswalzen» wie die Juden nach neuester Exegese von [Rm] 2,19f.2 ihren Offenbarungseindruck. Es scheint mir auch, dieser lapidare Spruch würde gut dastehen: steil, lateinisch, unanschaulich, mit Gorgonenaugen auf Fueter, Brunner, Loew etc. blickend. Was hältst du davon? Zweitens also 2,14–29, das mir ziemliche Arbeit gemacht hat. […] Auch in diesem Abschnitt ist wohl noch allerlei Ungesehenes. Es ist mir nicht ganz wohl dabei, obwohl alles so sein muß — aber man sieht die justitia forensis nicht deutlich genug. Wenn du da und dort ein Licht aufsetzen kannst, um das Unanschauliche doch ein bißchen anschaulich zu machen, so tue es doch ja. Ich mache deine Anmerkungen alle nutzbar. Neben Franz [v. Assisi] habe ich 2,1–13 auch noch Tolstoj aufmarschieren lassen.3 Wie wird das werden, wenn ich nun bald an die entscheidenden Texte 3,21-8,39 komme?

Mit Herpel gehts fortgesetzt sehr gut, über alles Erwarten gut. Er stört mich gar nicht, liest fleißig Zündel und Dostojewski, hat am Sonntag eine durchaus annehmbare sachliche Predigt gehalten, zeigt nur ganz selten Anwandlungen von Erlebnishaftigkeit, verdient durch sein im Grunde ganz kindliches Wesen Vertrauen und berechtigt, wenn er sich nur einigermaßen hält, zu schönen Hoffnungen. Auch er muß wie Wolf Meyer vor der Poesie gewarnt werden. Es droht eine Komödie und noch schlimmer eine Tragödie «Ahasver», die von letzten Dingen handeln soll. Ich habe ihn beschworen, die Finger davon zu lassen, tu du es auch noch. Etwas Irrationales bleibt freilich in diesen Deutschen mit ihren Tagebüchern, Gedichten und andern Merkwürdigkeiten für uns immer übrig, auch wenn alle Stellungen gestürmt scheinen. Wahrscheinlich muß das so sein, nur schon damit wir nicht wähnen, |443 wir hätten sie in der Tasche, sondern sie schön frei geben. Also auf Montag Abend bei dir.

Am Sonntag bis Montag war Fritz Lieb bei uns und auf einige Stunden auch noch der Freiherr v. Reitzenstein,4 über dessen Steilheit dir der beiliegende Brief Aufschluß gibt wie auch darüber, daß er mit Herpel […] sofort Streit bekam. Das Quartett, das wir da bildeten, war sehr seltsam. Was soll ich machen, wenn nun dieser Dichter unaufhaltsam zu mir herüber gerollt kommt, bis er mich verstanden hat? Und mit was für einem Gesicht und was für Worten soll ich ihm für seine Dichtungen danken? Apokalyptische Zeichen, wa? […] Siebeck hat eine große Anzeige meines Aarauer Vortrages 📖 geschrieben.5 Ich habe sie noch nicht gelesen, muß sie aber gleich wieder retour schicken. Hier wenigstens der Begleitbrief. […] Ferner ein Brief von Merz und die änigmatische Karte von Ehrenberg. […]

Am nächsten Sonntag predige ich wieder, wenn die Seuche, die wir jetzt kräftig haben, nicht Halt gebietet. […] Zur Abwechslung macht auch hier wieder einmal der Fabrikant Schwierigkeiten mit der ausgesprochenen Absicht, mich wegzuöden. Es soll ihm aber nicht gelingen.

Vale! Herpel grüßt dich herzlich, ebenso Nelly dich und Marguerite besonders.
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Der Einfall, der zweiten Auflage des «Römerbriefs» 📖 anstelle eines Vorworts nur ein Zitat von Johann Albrecht Bengel (1687–1752) voranzustellen, wurde nicht ausgeführt. Die Sätze Bengels — der Schluß des Nachworts zum «Gnomon» —, die Barth für diesen Zweck im Auge hatte, lauten: «Verbum Dei quomodo mundus accipiat, dudum constat: ego si id ut Verbum Dei, quemadmodum confido, tractavi, me non aliter accipi postulo. Etiam cultores saepe veritatis ea, quibus haud assuevere, tardius admittunt. Cum pridem audierunt, Hoc est: quaerunt denique, Quid est? cumque Demonstratio defluxit, Postulata sibi proponi queruntur. Nonnulli obitu demum suo veritati, in parte non agnita, officere desinunt. Veruntamen non frustra laboratur: dum alii praeter opinionem desunt, alii praeter opinionem se dedunt vel dedent. Lux crescit indies: per adversa ad victoriam enititur veritas: multis de rebus posteritas aliter judicabit. O DEUS, Tuo judicio stat caditve, quicquid stat vel cadit: quod per me operari dignatus es, tuere: lectorum et mei miserere. Tibi est Gloria et esto in perpetuum.» J. A. Bengel, Gnomon Novi Testamenti, editio tertia, tomus II, Tubingae 1850, p. 724. 📖 Das Mittelstück des Zitats ist jedoch am Schluß des Buches, S. 522f. (bzw. 520f.) angeführt.↩
2
Vgl. K. Barth, Der Römerbrief, München 19222, S. 49 (= S. 47 in den späteren Auflagen). 📖↩
3
A.a.O. S. 34 (bzw. 32). 📖↩
4
Werner Freiherr von Reitzenstein, Dichter, veröffentlichte: Ackerpflug und Wanderstab. Lieder von Heimat und Ferne, Kassel 1934 📖; Der Mann aus dem Hochwald. Roman eines Deutschen, Berlin 1940 📖; Der Raubhirsch, Berlin 1944 📖.↩
5
Dieser Aufsatz von R. Siebeck blieb wahrscheinlich unveröffentlicht.↩