12. November 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier 2,1–13 📖 aus der Asche erstanden! Vieles, fast alles ist anders geworden: Ragaz gänzlich von der Bildfläche verschwunden, dafür für den «Juden», der da unterhöhlt wird, sofort den wirklichen Gottesmann eingesetzt, sicher nicht zum Nachteil der «Rasanz» des Ganzen. Beachte das ἀποδώσει V. 6 mit seinem alttestamentlichen (resp. LXX) Hintergrund und neuer Übersetzung. Ferner die große Veränderung von V. 7–10! Du siehst übrigens, daß es durchaus möglich ist, auch in Herpels Anwesenheit zu arbeiten. Ich habe ihn recht gern und glaube, du werdest auch Freude an ihm haben. Er ist hinter den Kulissen seiner literarischen Schnurrpfeiferei ein lieber und guter Mensch, den man unmöglich nicht achten kann. Du liebe Zeit, der liebe Gott hat eben sehr verschiedene Kostgänger, das ist doch wohl für uns die Lehre aus all diesen Besuchen. Herpel hat viele gute Einsichten und ist überall offen für solche, ist zu uns gekommen, um in der Katastrophe der deutschen Bewegung deutlich zu sehen, wo wir sind, macht keine Ansprüche etwas zu sein, sieht das Verfängliche seiner Worte und Taten ein, wenn man es ihm aufdeckt und oft auch ohne das, hat die besten Vorsätze, in seiner neuen Gemeinde (er soll nach Offenbach kommen) in die Stille zu gehen, kurz er ist ein Mann, mit dem wir uns schon in die Reihe stellen dürfen und sogar müssen, wenn wir keine «Pharisäer der Idee» sein wollen. Daß noch allerlei kleine Wähne übrig sind, z. B. über das zum viertenmal zu erneuernde «Neue Werk», ist selbstverständlich, aber nicht grundsätzlich wichtig. Ich bemühe mich sogar, ihm zu glauben, daß auch seine Freunde […] nicht so unmögliche Gestalten sind, wie sie uns von weitem berühren, und daß wir uns u.U. auch mit ihnen noch einmal an den Verhandlungstisch setzen müssen. Also kurz: ich komme mit Herpel gut aus. Er hat mir angeboten, zu meiner Entlastung am Sonntag zu predigen, und das wird nun auch geschehen. […]

Herzliche Grüße dir und Marguerite
dein
Karl