5. November 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich habe heute Vormittag und dann wieder heute Abend ununterbrochen «für den Druck geschrieben». […] Hier das etwas dürftige Ergebnis. Der Abschnitt 📖 1,22–32 sieht mich etwas fragwürdig an. Vielleicht hat da schon der Apostel nicht eine seiner stärksten Stunden gehabt, wahrscheinlich kapiere ich es nicht genug, was das alles im tiefsten Grunde soll. Genug, ich freue |440 mich trotz aller alten und neuen Funde, die ich gemacht […] nicht recht an meinem Tagewerk. Es ahnt mir, daß das noch ganz anders «rasant» gesagt sein müßte. Mir fehlt der moralische Ingrimm, der hier nötig wäre, um Paulus wiederzugeben. Die von Beck herrührende Einteilung des Abschnitts auf Grund des dreimaligen θεὸς αὐτοὺς παρέδωκεν1 war mir eigentlich etwas verdächtig, die dadurch hergestellte Linie ist fast zu schön, um nicht willkürlich zu sein. Ich fand doch nichts anderes und ließ sie stehen. Wie sieht dich das alles an?

Herpel kommt erst am Montag. Am Sonntag in 8 Tagen Fritz Lieb. Ich eile zur Ruhe, hoffentlich steht mir nicht eine Traumnacht mit «Vögeln und Vierfüßlern und Würmern» (Papageien und Schildkröten hätte Paulus auch erwähnen sollen) bevor. Am Morgen schlafe ich gewiß noch, wenn dieser Brief schon bald in St. Gallen ist. Auf Sonntag [Predigt]: Röm. 5,8.

Herzlichst
dein
Karl

Schreibe mir rechtzeitig, wenn du von diesen Ansichtssendungen genug hast. Ich möchte dir deine Zeit nicht stehlen, bin aber sehr froh über deine Bemerkungen.

Sachfußnoten

1
Vgl. J. T. Beck, Erklärung des Briefes Pauli an die Römer, 1. Hälfte, Gütersloh 1884, S. 140. 📖↩