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14. Oktober 1920
Wolf Meyer hat mich vor 2 Stunden verlassen. Ich war erfreut, sehr erfreut über seinen Besuch. Es war eine angenehme Enttäuschung, die unsereinem, der soviel umgekehrte macht, wohl zu gönnen ist. Er sah mich an etwa wie eine Gestalt aus Dostojewski: menschlich, von Natur sündig, von allerlei Begierden umgetrieben, letzten Abgründen und letzten Steilflügen der Leidenschaft oder auch des Gebets nicht fremd, aber das alles als Kosmos, als σάρξ klar umrissen, in sich gerundet, ohne die pseudo-eschatologischen Ansprüche der Patmos-Brüder, ohne die idealistischchristlichen Illusionen der Neu-Werkleute, vielleicht zu seinem Glück auch ohne unsere oft fast allzu große theologische Weisheit und ihre besondere Hybris-Gefahr — sondern deutlich das offene Fenster gegen Jerusalem. Wir machten allerlei Gänge zusammen durch das begrenzte Weltgebiet zuerst und dann auch und immer mehr nach jenem Fenster hin und fanden immer wieder den Weg. […] Er referierte auch gar kaltblütig teils von |433 seinen Kriegserlebnissen (z. B. wie er da wohlbewußt einen unvorsichtigen Engländer ins Jenseits befördert hat!), teils von seiner Tätigkeit als bayrischer Landpfarrer, als Patriot und Stahlhelmmann. Ragaz würde Wehe! über uns rufen, wenn er wüßte, was für einen Freund wir da haben. Nelly vertrat wie gewohnt diese Seite der Sache. Ich nahms mehr von der andern Seite, dachte an das regnum naturae und ließ ihn immer, solange ich konnte, gelten, aber nicht ohne zuletzt immer wieder an Röm. 6 zu erinnern und zur Kreuzigung des alten Menschen aufzufordern. Sein Drama «Der Streik» habe ich ihm bei aller Achtung vor der poetischen Leistung grundsätzlich abgeschätzt und ihn dringend gebeten, es nicht drucken und aufführen zu lassen, weil das trotz Allem Reaktion nicht nur scheinen werde, sondern tatsächlich sei und ihm für spätere überlegenere Worte den eigenen Mund und die Ohren des Publikums verschließen werde. Wir haben dann zusammen das Overbeck-Büchlein
📖 durchgangen und einen Abschnitt Römerbrief
📖 und allerlei Nägel noch kräftiger eingeschlagen. Ich glaube, er wird gut, besonders wenn Merz in Fühlung mit ihm bleibt und ihn gegebenenfalls von Unbesonnenheiten zurückhält. Er hat vor Merz gerade das Unkultivierte, Unausgewaschene, Rohstoffmäßige voraus. Das ist ein Element, das wertvoll werden kann. Summa: ich betrachte ihn durchaus als einen weitern guten Vorposten im feindlichen Gelände und habe ihn hoffnungsvoll, wenn auch nicht unbedenklich davonrollen sehen.
Ob wir auf die von Merz und ihm geplante Sonderkonferenz eingehen? Ich weiß nicht. Je mehr solche Verwandte wir entdecken, umso vorsichtiger müssen wir sein, daß keine Sekte daraus wird, daß wir nach wie vor grundsätzlich der ganzen Blase zur Verfügung stehen. Es wird sich jedenfalls lohnen, wenn wir da bremsen, soviel wir nur können.
Patmos allerdings ist mir in diesen Tagen in ein noch fahleres Licht getreten als vorher. Wolf brach einigemal in ein förmliches Geheul aus, die hätten ja nichts, aber auch gar nichts von allem begriffen und ich glaube fast auch, es sei so. Nun habe ich Hans Ehrenberg noch gar nicht geantwortet auf seine zwei Zucker-|434Briefe. Was soll ich ihm nur schreiben? Ich weiß noch weniger als vorher. Ich warte jedenfalls noch Siebeck ab, um Weiteres zu hören.
Ich erwarte Siebeck in den nächsten Stunden. Und dich also am Samstag. Leider habe ich meine Predigt durchaus noch nicht, noch keine Ahnung. Du wirst wahrscheinlich zu meinen Füßen nur mit mir seufzen können. Am Montag gehen wir dann selbdritt nach Aarburg, nachher nach Basel. […]
Am letzten Montag war ich also bei den Ritschlianern […] tatsächlich schon um meiner Anwesenheit willen angestaunt. Ich begnügte mich mit Hören, gerade weil viele zum vornherein auf irgend eine Explosion gespannt waren. Zickendraht redete umständlich und in den letzten 10 Minuten nicht ohne Einsichten. Heinzelmann entfaltete (nicht unsympathisch übrigens) seine fabelhafte Theologenkunst, Alles zu sagen und niemanden zu treffen. Marti brachte Altväterisches. […] Hoffmann beteuerte seinen Glauben an den Fortschritt, aber unter Verwahrung gegen das «Supranatural-Plötzliche». Ernst Staehelin endlich entwickelte seine Lehre von der zwischen zwei Parusien eingeklemmten Zwischenzeit. […]
Gut, recht gut ist Epprechts Rezension.1 […] Vielleicht stößt er eines Tages doch auch noch zu unserer Räuberbande. […] Ich sehe beim Durchlesen, daß in diesem Brief wieder einmal ziemlich viel «gerichtet» wird. Nimms cum grano salis.
Herzlichen Gruß
[…] Nimm doch den Dostojewski-Vortrag an! Warum nicht?