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27. Oktober 1920
Nun bin ich für eine Weile wieder ohne Besuch. Der von Gogarten war aber hocherfreulich. Das ist ein Dreadnought für uns und gegen unsere Widersacher. Wer weiß, wird er eines Tages uns noch belehren! Er hat durchaus die Allüren und auch das Zeug derjenige Mann, welcher … zu sein. Ich sehe ihm mit großen Erwartungen nach, etwa im Sinne von Ragaz, als er meinen frühen Tod prophezeite. Den Christl. Welt-Leuten wird er jedenfalls noch sehr unangenehme Zeiten bereiten und vielleicht eines Tages irgend ein enormes Loch in die theologische Mauer machen. Es fängt offenbar schon an zu rieseln. […]
Hier meine Predigt vom letzten Sonntag. Da du mich, wie du sehen kannst, so gut aufs Roß gesetzt hast dafür, mußt du sie nun auch lesen. Am Nachmittag ging ich mit Gogarten spazieren und geriet dabei in die Höhle des Löwen Schild, wo sich bald auch noch Dr. Lejeune und Frau einfanden. Alle vier ließen sich mit merkwürdiger Beflissenheit von Gogarten die Anthroposophie Steiners erklären. […] Am Montag fuhren wir auf den Velos nach Madiswil, wo alsbald — diesmal Max Gerber die Bühne betrat und den Tag beherrschte. […] Ich hatte gar keinen guten Eindruck von ihm. […] Meine Einwände waren ihm so wenig willkommen, wie mir sein ganzer «Aspekt», wie Gogarten sagen würde.
Und nun eine seltsame und erschreckende Nachricht: Als Gogarten (mit dem ich übrigens neben diesen Exkursionen manches gute Tag- und Nachtgespräch hatte) fort war, fing plötzlich der Römerbrief
📖 an, sich zu häuten, d.h. ich bekam die Erleuchtung, daß er so wie er jetzt ist, unmöglich einfach abgedruckt werden darf, sondern an Haupt und Gliedern reformiert werden muß. Ich sende dir hier eine Probe. Vergleiche sie bitte mit der noch nicht gehäuteten Fassung und schreibe mir flugs, wie dich das Ding ansieht. Vor dem Frühling kann nun freilich die 2. Auflage nicht erscheinen. Ich habe bereits ein diesbezügliches Halt! nach München gekabelt — aber besser diese Verzögerung, als |436 daß die 1. Fassung
📖, die ich auf einmal, wo ich hineingucke, schloddrig, überladen, schwammig etc. finde, fortgesetzt zu Mißverständnissen und Irrungen Anlaß gibt. Vielleicht bin ich an dem «Neuen Werk» und der Marburger [Konferenz-] Katastrophe nicht ganz unschuldig durch dieses noch viel zu sehr auf Hurra! gestimmte Buch. Sende mir die Blätter gleich wieder, womöglich mit einigen trostreichen, ermunternden Worten; denn ich habe nun einen weiten Weg vor mir.
Mit herzlichem Gruß