18. September 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ja, mir wars auch nicht ums Schreiben; aber jetzt solls wieder sein. […]

Siebeck und Frau habe ich in lebhaftem Ton eingeladen zu kommen. Etwas gedämpfter und unter der Andeutung, daß wir keine Fanfaren liebten, auch Wolf Meyer.1 Dem Herrn Professor D. (wer mag das sein?) habe ich mitgeteilt, die Anonymität unserer Predigten [in «Suchet Gott … 📖»] werde nur wenn entscheidende Gründe vorlägen, aufgehoben; er solle mir sagen, was er damit bezwecke. Über das Unternehmen des Lic. Stange2 habe ich vorerst Merz um Information gebeten. Je nachdem müßte ich ihm dann etwas recht Unmißverständliches, Viereckig-Hornbrilliges zusenden für seine Pastoren. Merzens Brief macht den Eindruck, daß sich in Bayern so etwas wie eine ecclesiola um unsere Fahne schart, was zu erhöhter Wachsamkeit auffordert. Ich habe ihm geschrieben, ich könne ihm nichts Besseres wünschen, als daß ihm alles immer schwerer werde und seiner Schwägerin und den andern auch. Loew: hier mein Brief an ihn. Ich fand seinen Artikel3 klug, aber nicht ohne leisen Verwesungsgeruch, und habe ihm das nicht verhehlt. Einen Augenblick dachte ich daran, ihm diesen Brief öffentlich (in der «Christlichen Welt») zu schreiben, ließ es dann aber sein. Sie sollen nur alle |424 ihre gescheiten Einwände ausbreiten. Ein andermal sind wir dann wieder an der Reihe, aber es pressiert nicht. Erstaunlich ists, zu sehen, wie auch ein so kluger Mann trotz aller sicher ehrlich gemeinten Zustimmung mit keiner Zeile verraten kann, daß er den entscheidenden Sprung nicht wagt. Sein Artikel hat etwas «Unbekehrtes», möchte ich fast sagen. […]

Morgen also Bettag. Ich bin in der angenehmen Lage, meine zwei Predigtenα schon zu haben und also wieder Briefe schreiben zu können, wie am Anfang der Woche. Die Predigten erregten in Nelly, als ich sie ihr vorlas, die wenn auch leise Frage, ob das nun nicht Pietismus sei. Und in der Tat sind es diesmal weniger «Mitteilungen» als direkte Anrufe. Am Morgen Matth. 11,28, am Nachmittag Apg. 16,30–31 (!). Der Bettag als solcher taucht nur in fragwürdiger Ferne auf. Deine Nachrichten über Matthäus sehen mich gut an. Wohlauf! Johannes ist mir vorläufig viel zu fremdartig, als daß ich mich daran wagen wollte. […]

Ich durchging diese Woche mehrere Jahrgänge «Kirchenfreund»4 aus dem Anfang der 90er Jahre. Der Anblick, wie da mit Gläubigkeit, Gift und Unverstand eine unhaltbare Position verteidigt wurde, hat etwas Ungutes und doch Rührendes. Wernle ist noch nicht auf der Bühne, dafür die Christlich-Sozialen […]. Benz in seinen Anfängen, Hadorn debütiert als V.D.M.5 mit einem ganz verfehlten Angriff auf die Judenmission und wird von allen Seiten preisgegeben. Johannes Weiß’ Erstlingsschrift wird […] als erfreuliche Erscheinung begrüßt. Kutter darf sich unter zur Vorsicht mahnenden redaktionellen Anmerkungen mit guten biblischen Artikeln bemerkbar machen. […] Marti6 wird von Oettli7 totgeschlagen und wird sein Nachfolger in Bern. Von Blumhardt weit und breit keine Silbe! Mein Vater bietet ruhige geschichtliche Mitteilungen und rät überall zum Glauben, zur Freiheit und zur Milde, was ihm von Orelli8 verdacht wird. Orelli und Oettli, die Hauptakteure waren keine guten Gestalten, kleine «Hengstenberge» ohne eigentlichen Metallklang. Ich lese bis tief in die Nacht hinein in diesen merkwürdigen Akten und bin gespannt auf den Fortgang. Es liest sich wie ein Roman und |425 ist wirklich instruktiv. Das ist trotz Allem sicher, daß das Blatt damals besser war als heute. […]

Das «schwarze Kränzli»9 ladet mich wieder einmal ein. Sie wollen Sacharia 3 behandeln. Wenn mir etwas Triftiges in den Sinn kommt über diesen Hohepriester Josua mit seinem «reinen Hut», so gehe ich. Am Donnerstag haben wir Synode. Wie werde ich dich da vermissen!

[…] Groß und Klein grüßen herzlich!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Wolf Meyer, Pfarrer in Fessenheim (Bayern), ließ sich nach wilden Kriegserfahrungen von Barth und Thurneysen beeinflussen, kehrte sich aber dann von ihnen wieder ab, wurde Hitleranhänger und erlangte als solcher Amt und Würde eines Prof. für praktische Theologie in Jena. Nach 1945 wieder Pfarrer.↩
2
Erich Stange (1888–1972) in Leipzig, Reichswart des CVJM, hatte mehrere Schweizer Pfarrer verschiedener Richtung, darunter Barth und Thurneysen, um Beiträge zu einem Sonderheft der von ihm redigierten «Pastoralblätter für Predigt, Seelsorge und kirchliche Unterweisung» gebeten. Das Sonderheft (Februar 1921) sollte die deutschen Leser anhand charakteristischer Beispiele mit der kirchlichen Arbeit in der Schweiz bekanntmachen.↩
3
W. Loew, Noch einmal Barths Römerbrief, in: CW Jg. 34 (1920), Sp. 585 bis 587. 📖↩
4
Organ der sog. «positiven» kirchlichen Richtung.↩
5
= Verbi Divini Minister: in der Schweiz übliche Bezeichnung für noch nicht ordinierte angehende Pfarrer.↩
6
Karl Marti (1855–1925), Prof. für A. T. in Bern.↩
7
Samuel Oettli (1846–1911), Prof. für A. T. in Greifswald und Bern.↩
8
Konrad von Orelli (1846–1912), Prof. für A. T. in Basel, einer der Führer der schweizerischen «Positiven».↩
9
Eine Vereinigung positiv gesinnter Pfarrer.↩