16. Juni 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

399
Lieber Eduard!

Dank für deinen Brief. Eben meldet mir Lempp, daß Overbeck 📖 erschienen […] sei. […] Was wird diese Rakete für einen Lauf nehmen? Viele Freunde oder Doktorhüte wird sie uns jedenfalls nicht eintragen. Ich weiß gar nicht mehr genau, was eigentlich drinsteht und bin so gespannt wie nur irgend einer aus dem Volk.

Hast du Gogarten «Zwischen den Zeiten»1 in der «Christlichen Welt» gelesen? Ich habe ihm sofort eine Begrüßung geschickt und ihn aufgefordert, laut zu rufen. Der kommt gut. — Wie findest du es, daß ich in die Kapitelskommission für die Verfassung gewählt bin und nicht ablehne? Ich gedenke dort hauptsächlich den «Positiven» in die Zähne zu stehen (die den Herrn Jesus als Eckstein der aargauischen Kirche proklamieren möchten), bereits in Fühlung mit der Reform […], die vernünftigerweise alle und jede religiösen Sprüche unterlassen wissen will. Diese Sitzungen werden sicher gut. […]

Ich bin an der Vorbereitung zu 2.Kor. 5. Das ist noch ein Kapitel! Wenns doch gelänge, solche Stellen auch nur ein wenig wieder zum Reden zu bringen. Es ist Alles geladen voll «Einsichten und Ausblicke», aber wie schwer, sie zu fassen. Und dabei zu denken, daß das Alles gar nicht ex cathedra sondern als Randglossen bei Anlaß einer ziemlich persönlich bedingten Selbsterklärung des Paulus gesagt ist! […]

Herzlichst grüßend von Haus zu Haus
dein
Karl

400[…] Hältst dus nicht auch für wahrscheinlich, daß 2.Kor. 6,14-7,1 eine Interpolation ist? Die neuern [Ausleger] haben zwar die Hypothese meist aufgegeben, mir scheint sie doch sehr plausibel. Es ist eigentlich ein recht pfäffischer Abschnitt, der im Zusammenhang und im Ganzen des Briefes gar nichts zu tun hat. Irgend ein Pfarrer aus dem 2. Jahrhundert scheint da seinem fraglichen Eifer Luft gemacht zu haben. Beachte auch, wie 6,13 und 7,2 gut anschließen.

Sachfußnoten

1
F. Gogarten, Zwischen den Zeiten, in: CW, Jg. 34 (1920), Sp. 374–378 📖, wieder abgedruckt in: J. Moltmann (Hrsg.), Anfänge der dialektischen Theologie, Teil 2, München 1963, S. 95ff. 📖 Von diesem Aufsatz entlieh die 1922 bis 1933 von G. Merz zusammen mit Barth, Gogarten und Thurneysen herausgegebene gleichnamige Schriftenreihe bzw. (später) Zeitschrift ihren Namen.↩