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4. Juli 1920
Wir haben den Brief deines Schwiegervaters mit Teilnahme gelesen. Es ist klar: So sehen wir in den Augen der meisten Gebildeten unter den Nicht-Verächtern der Religion aus und müssen uns wohl darein finden, uns als «Karl der Kampflustige» etc. von ihnen bekopfschütteln zu lassen. Wahrscheinlich haben gerade diese Kreise es besonders schwer. Die Ausbeutung der Burckhardt’schen Konfessionen1 beweist nur, daß man nie solche machen sollte, in extremis erst recht nicht, weil man dann keine Möglichkeit mehr hat, der zugriffigen Christenheit ein neues Holla! entgegenzurufen, sondern definitiv als «geretteter Trinker» dastehen muß. Die unerschütterlich moralische Auslegung des verlorenen Schäfleins als «Nachzügler» der ehedem gerecht Gewordenen ist in ihrer Art auch klassisch. «Rufe laut und schone nicht!»2 kann man sich da nur sagen.
[…] Ich fuhr am Montag [per Velo] also nach Basel: Von der Höhe des Hauensteins bis an den Rheinweg 443 ohne aus dem Sattel zu steigen und gestern umgekehrt wenigstens bis Buckten. Gute Leistungen, die ich aber noch in allen Knochen spüre. Gestern Morgen hörte ich die Vorlesung von Heiner. Es waren umsichtige, nüchterne und glaubwürdige Mitteilungen über Platos Ethik, alles noch etwas privatdozentlich gehemmt, gar nicht glänzend und rhetorisch, die sich aber sicher mit der Zeit zu soli|404den Bausteinen gestalten werden, denen wir dann größte Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Ich sprach natürlich auch mit ihm über seine Karte.4 Es zeigte sich, daß er uns in der Nähe von Ibsens «Brand»
📖 sucht. Vielleicht müßten wir zu diesem Drama einmal eine Kundgebung erlassen, etwa im «Neuen Werk». Vielleicht muß das aber in größerem Zusammenhang geschehen: in einer Verarbeitung von Dostojewski, Nietzsche und Ibsen, die diese Zeitgenossen sich selbst erklären [lassen] würde. Ich bin sehr froh, daß ich alle diese Leute erst jetzt richtig lese und nicht, wie so viele, schon als Gymnasiast oder Student vermeintlich hinter mich gebracht habe. In Basel las ich übrigens die Einleitung zu Spenglers «Untergang des Abendlandes»
📖 — mit Mißfallen und Antipathie gegen dieses schnelle schnoddrige Reden über alles und alle. Heiner ließ sich dann übrigens beschwichtigen, doch bleibt ein Verdacht an uns hängen, besonders an dir, wir wollten nur eine ganz schrecklich steile vita nuova empfehlen, die sich dann bei näherem Zusehen als etwas harmlos entpuppe. Mir wirft er Journalismus vor und nennt meine Auferstehungspredigt im «Neuen Werk»5 «eine nicht gerade glaubwürdige Verkündigung von diesem Ereignis», was ich ihm nur bestätigen konnte. Für unser geschichtsphilosophisches Problem «Jesus: Christus» hat er vorderhand kein großes Verständnis. Gegenüber seinen philosophischen Kollegen […] scheint er leichtes Spiel zu haben. [Sie] beide haben sich scheints in Basel bereits etwas unmöglich gemacht. […]
Ich mache mich nun sofort an die Erforschung des Kolosserbriefs. Willst du mir bitte die Blätter zum Epheserbrief zurückschicken wegen des Vergleichens, das nun anheben muß. Hast du eine plausible Erklärung von 2.Kor. 5,13? Ich komme da vorläufig nicht ins Klare. Am nächsten Sonntag 5,16–17α!! […]
Morgen Schulausflug ins Seetal; doch wird Leutwil in weitem Bogen umgangen. […] Ich werde euer wehmütig gedenken.
[…] Mit herzlichem Gruß an euch beide