400
24. Juni 1920
Bei mir ist Overbeck1 noch nicht eingetroffen. […] Ich glaube das Heftlein wird ganz bedenklich Krach erregen gegen uns; ich las es auf der Eisenbahn ganz unbeteiligt, aber mit dem Gefühl, diesmal könne es nicht anders sein, als daß die Wespe, in deren Nest da gegriffen wird, stoßen werde. Hast du in Jülichers2 Artikel über das Augustin-Buch3 das gegen mich heraufziehende Gewitter beachtet? Heute Nacht um 3 Uhr erwachte ich stürmisch: ich war im Traum soeben von Weißgardisten in raffinierter Weise erschossen worden, weil ich meinerseits (und ich weiß nicht auf wen) einen Schuß abgegeben hatte. Übrigens hatte ich den ganzen Abend über Kierkegaards «Augenblick»
📖 zugebracht.
Und nun aufs neue Herpel und Schultheis.4 Was soll man dazu sagen? Ists Ernst? Ists nicht Ernst? Mir macht es den Eindruck, wir müßten das προσλαμβάνειν, μὴ εἰς διακρίσεις διαλογισμῶν Röm. 14,1, das uns dieser Tage beschäftigte […], ein weiteres Mal in Anwendung bringen, so sauer es uns fallen mag. Irgendwie wollen sie sich, bei allem offenkundigen Joggelen,5 mit|401bewegen, und da dürfen wir uns ihnen jedenfalls grundsätzlich nicht versagen. Ob wir dann den Gang ausgerechnet nach Marburg, der Stätte ihrer und unsrer alten Ideale und Irrtümer, tatsächlich antreten, ist eine andere Frage. Auch das, ob wir ihnen nun einen «präzisierten» Vorschlag für ihre Konferenz unterbreiten wollen. Ich bin nicht recht dafür. Es ist ihre Konferenz, und sie müssen die ganze Verantwortung dafür übernehmen. Wir unsrerseits würden ein weiteres Zusammenlaufen im Augenblick nicht für nötig halten, meinen das Nötigste gesagt zu haben und könnten höchstens andeuten: wenn durchaus Zusammenkunft, dann biblisches Thema. Nicht freie Textwahl nach Pfarrermanier, sondern ein größerer Text für alle Redner, als Stange, an die man sich halten muß. Und diesen Text müßten sie vorschlagen, die Deutschen, damit es nicht aussieht, als ob … Festhalten an der Forderung, dieses Thema solle dann der ausschließliche Zweck der Versammlung sein. Offenlassen, ob wir kommen oder nicht kommen. […] Was denkst du? Willst du in dir gutscheinendem Sinn ein Schreiben an sie abfassen (sie haben es wieder einmal eilig), dem ich mich dann mit ein paar Worten anschließen würde? — Wir werden übrigens allmählich auch Prälaten, wenn das so weitergeht, und müssen Vorkehrungen treffen, um das zu verhindern.
[…] Die Tage bei euch waren gut, — «wenn der Weg so weit nicht wär», wäre ich sofort wieder gekommen mit diesen Briefen.
[…]
Herzlichst Dein
Meine Füllfeder ist in Reparatur in Zürich; die Anstrengungen der letzten Jahre haben sie teilweise zu arg mitgenommen.