7. Juni 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier Etliches zurück und drei Briefe von Zeitgenossen zur Einsicht. Dem Herrn Quitmann1 kann man in der Tat zur Ausnahme im Stil des Philipperbriefs schreiben, und es hätte etwas Lockendes, einmal mit einigen Exegesen bewaffnet nach Essen zu fahren. Aber dergleichen soll wohl heute und für uns nicht sein. Daß uns nun sogar C. A. Bernoulli bestätigt, daß wir «etwas gemerkt» haben, wenn auch noch nicht das Geheimnis der «Biopsychik» und nicht ohne «theologische Befangenheiten», das ist ja auch schön und ehrenvoll. […]

Jüngst erschien mir im Traum — Overbeck. Ich hatte ein langes Gespräch mit ihm, bei dem ich Frage an Frage reihte und vernahm, wir hätten ihn durchaus richtig verstanden, was er merkwürdigerweise damit bekräftigte, daß er mit seinem Kopf freundschaftlich an den meinen putschte!! Dann überreichte er mir eine gute Cigarre, ging mit mir in einem Park spazieren und führte mich endlich zu ihm heim zum Nachtessen, bei dem zu meinem Befremden ein Tischgebet stattfand. Er sah aber zu meinem Erstaunen anders aus als auf dem Bilde, nämlich ungefähr so bieder und zutrauenerweckend wie Missionsdirektor Oehler, was ich am Morgen sofort feststellte. Was mag von dem Allem zu halten sein?

Gottlob konnte ich heute die ungute Lektüre von Heilers Gebet 📖 vollenden. Prrr! Man sehnt sich nach irgendeinem kräftigen Atheismus, wenn man von diesem Buch kommt. Ich begann denn auch sofort, mich in Nietzsche hineinzulesen, meinen letzten Valutaeinkauf.

Ich weiß nicht, ob ich dir viel vom 2. Kor. werde mitteilen können. Sachlich ist das irgendwie ein gigantischer Anschauungsunterricht zu dem Thema «Pfarrer und Gemeinde», insofern kein guter Predigtstoff. Ich kann immer nur referieren, zeigen: da, da «der Apostel», «der welcher». Die Abfassung beginnt öfters mit einer kleinen privaten Morgenandacht aus Kierkegaard […].

396 Tausend herzliche Grüße euch beiden von uns beiden
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Walter Quitmann, Kaufmann, Glied der reform. Gemeinde in Essen.↩