3. Mai 1920

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Wir erwarten euch mit tausend Freuden. Wir haben bereits unsre Bibelbesprechung, wo beharrlich am Epheserbrief weiter wiedergekäut wird, bis alle Nester ausgenommen sind, soweit das geht, — auf den Montag Abend verlegt, um deine Mitsprache zu sichern. Und wieviel wird sonst zu besprechen sein!

Dem Herrn Mennicke1 habe ich eine wohlüberlegte Epistel geschrieben. […] Es ragazt dort offenkundig. Hoffnungsvoll ist das steile Losgehen auf die Gottesfrage, wenn es auch etwas sehr berlinerisch zugeht. Ich habe ihm mitgeteilt, wir seien keine Kuhhirten und hätten Kant sozusagen auch gelesen und hätten liberale Belehrungen nicht nötig. Im Übrigen seien wir jenseits der Selbstverständlichkeiten, die sie uns entgegenstellen zu müssen meinten, zu Gesprächen gerne bereit. […]

Nicht genieren kann man sich […] vor Ragazens neuestem Völkerbundsschrei.2 […] Es ist ein erschreckender Beleg dafür, |387 daß ich ihn Römer 13 📖 halt doch nicht zu Unrecht abgesägt habe und daß es auch in einer 2. Auflage keine Streichungen aus persönlichem Erbarmen geben kann. Er soll es für etwas halten, wenn man ihn auf solche Leistungen hin nicht aufs Neue angreift, sondern im Frieden sich versurren läßt. Stimmt: Nein! [zum Völkerbundseintritt der Schweiz] das ist die einzige Antwort.

Siebeck,3 gut, nichtwahr? Den sollten wir einmal zu uns herüberlotsen können. H. Ehrenberg kommt nun also erst im August. Ich wäre froh gewesen, ihn zu haben als Kommentator zu den dunklen Worten seiner Patmosbrüder.

Denk ich bin an der Arbeit an einem — — Gebetbuch für unsere Gottesdienste, zunächst lauter Psalmen und Psalmenzusammenstellungen. Dabei komme ich gründlich im Psalter herum und kann eigentlich nur staunen, daß die «Religion» sich durch diese merkwürdige Literatur nicht mehr hat erschrecken lassen. Es stehen ja unerhörte Dinge darin über das «ganz Andere», auf deren Hintergrund sich eine «Erbauung» erhebt, die sehr anders aussieht als das, was man so nennt. Dieses liturgische Geschäft — das erste Mal in meinem Leben, daß ich über Kultisches länger als 5 Minuten nachdenke — erfüllt mich augenblicklich mit ungewohntem Frieden. Daneben lese ich kopfschüttelnd wie du in dem Wälzer von Heiler 📖, ratlos darüber, was das soll?

Daß deine Leutwiler Abschiedspredigt gedruckt wird, begrüße ich sehr.

Mit herzlichem Gruß in Vorfreude aufs Wiedersehen
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Carl Mennicke (1887–1959), ev. Theologe, religiöser Sozialist in Berlin, trat 1927 aus der Kirche aus.↩
2
L. Ragaz, Die Schweiz vor der Lebensfrage. Zur Abstimmung vom 16. Mai, in: Neue Wege, Jg. 14 (1920), S. 182–188. 📖↩
3
Richard Siebeck (1883–1965), Prof. für Innere Medizin in Bonn, Berlin, Heidelberg, Freund Barths und Thurneysens. Sein Buch «Medizin in Bewegung. Klinische Erkenntnisse und ärztliche Aufgabe», Stuttgart 1949 📖, wird von Barth KD III/4, S. 405 📖, zitiert.↩