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27. April 1920
Die Verlassenheit, in der ich nun im Aargau sitze, kommt mir erst nach und nach zum Bewußtsein. Der Sprung zu dir oder umgekehrt wird eben doch jedesmal eine beträchtliche, wohlzuüberlegende Sache sein, und ich werde den schönen Zeiten, wo ein Sprung aufs Velo Alles gut machen konnte, nun immer heftiger nachtrauern. Ich glaube, ich schließe mich im Ernst den «Wiederkunftsgläubigen» in Leutwil, von denen mir auch Frl. Baumann1 erzählte, an und hoffe, du machest dich in St. Gallen bald unmöglich. Vorläufig hat es freilich nicht den Anschein als ob, denn der Schall deiner dortigen Worte ist durch eine hiesige Familie schon jetzt bis zu uns gedrungen und wirft einen milden Abglanz auch auf mich.
[…] Gut, daß du den ersten Ansturm des Freundes [Hans Ehrenberg] übernehmen und aushalten willst. Bei Kutter sehe ich ihn nicht recht, und was zwischen ihm und uns noch werden soll, das ist mir erst recht dunkel. Ich las gestern Weismantel2 «Der Wächter unter dem Galgen»
📖 und verstehe tatsächlich kein Wort von dieser Allegorie, aber auch kein Wort!! Es könnte gerade so gut chinesisch sein für mich. Und dabei Dedikationsexemplar, das ich verdanken muß! Ich lege das Ding bei, hilf mir in dieser Not. |385 Gestern verbrachte ich […] einen ganzen Abend über der Analyse von Rudolf Ehrenbergs Osterpredigt und wurde ebenfalls nicht klug. Überhaupt Hebr. 10,253. Ich suche nun endlich mich durchzuschlagen; aber was das eigentlich soll, das wird mir, trotz einzelner schöner und guter Stellen, nicht klar. Und dabei riskiert man, von Rosenstock so angefaucht zu werden, wie es in dem beiliegenden kleinen Brief geschieht, der die Antwort ist auf ein, wie ich meinte, behutsames Schreiben an Rudolf Ehrenberg, auf das mir dieser immerhin human erwidert hatte. Ich glaube, ich weise sie nächstens samt und sonders an dich als meine offenere Hälfte. […]
[…]
Wir waren Sonntag-Montag in Madiswil zur Taufe des kleinen Peter-Andreas. […] Morgen fängt meine neue Unterweisung an; ich mache mich heute an die Aufstellung des neuen [Unterrichts-] Heftes. Den C.S.V.ern habe ich in einem eindringlichen Schreiben vorgehalten, ob sie nach der Aarauer Erfahrung nicht heimlich lieber von meiner Berufung an ihr Ferienlager Abstand nehmen wollten. Sie sollten sich noch einmal überlegen, was sie täten. Ich würde zu gerne jetzt eine Weile gänzlich verstummen. Aarau war ja wirklich ein Mißerfolg. Die Sprüche der Zürcher, von denen du schreibst, zeigen erschütternd, daß ungefähr niemand Lust hat, mitzukommen. Peter röhrte auch allerlei von «Kontinuität» zu Wissenschaft, Kultur etc., die gefehlt habe. Nur Heiner scheint mir entschieden die Stange zu halten. […] Die Wüstenzone um mich herum hat sich ersichtlich verbreitert. Und dabei beruft sich in der Tat alles auf die verwünschten «Ergötzlichkeiten», die meine Mitteilungen nun einmal zu begleiten pflegen und die doch eigentlich so harmlos sind, von mir aus jedenfalls alles andere als Unterbrechungen der Linie selbst. Woher nehmen eigentlich gewisse Freunde das Recht, immer wieder dieses Invektivische an mir in einer gewissen milden Boller Stimmung zu beseufzen? «Im Interesse der Sache» — als ob im «Interesse der Sache» überall da, wo die Zuhörer merken, daß von ihnen die Rede ist, die Spitze abgebrochen werden dürfte. Wenn |386 ich diese Gerechten nur einmal hineinblicken lassen könnte in die mühsame Mechanik einer solchen Darlegung, daß sie sähen, wie wenig «geistreich» es da zugeht. Nun, für eine geraume Weile wird nun dafür gesorgt sein, daß man mich bei solchen Anlässen und überhaupt in meiner Höhle läßt. Hast du den Bericht in der Neuen Zürcher Zeitung gelesen? Er war so hahnebüchen verkehrt, daß ich ein «Zur Aufklärung» einsandte, weiß aber nicht ob es gedruckt worden ist. — Heiler werde ich mir ehestens auch vornehmen. […]
Mit herzlichem Gruß