5. Mai 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Gestern hatte ich ein erstes langes Gespräch mit meinem Kollegen Dieterle.1 Als Mensch ist er mir durchaus sympathisch, er ist gescheit, ganz ehrlich und unberechnend, aber ohne alle Gebrochenheit. Wäre ich einfach religiössozial, es gäbe ein glänzendes Zusammenarbeiten. Aber unsere «Todesweisheit», unser «Jenseits der Kluft» und «Hinter der engen Pforte» ist ihm unverständlich. Und so wird er nun eben sein Gemeindehaus bauen müssen. Ich sehe immer klarer, daß wir erst mit der Einsicht in Overbecks Halt! und Nein! eine erste wichtige Stufe erreicht haben, die über das Religiössoziale und wohl auch über Kutter hinaus weiterführt, und auf der auch deine im Römerbrief 📖 erarbeitete und vertretene Erkenntnis erst ganz wahr wird und mit Nachdruck verteidigt werden kann.

Und nun herzliche Grüße!
Eduard

Sachfußnoten

1
Samuel Dieterle (1882–1950), Pfarrer in St. Gallen und Basel, Freund Thurneysens.↩