20. April 1920

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Du wirst wie ich bewegt und nachdenklich von allem Erlebten heimgekehrt sein und hinter Pfeife und Pult hervor auf das Aarauer Experiment zurückblicken. Was war das für eine notvolle Situation! Trotzdem es eigentlich vorauszusehen war, wie es kam, war man doch immerhin betroffen und überrascht genug, als es kam. Es war so gar nichts von wirklicher Bewegtheit und innerer Erschütterung bei den Studenten zu entdecken. Es war natürlich ein Experiment, auf den in seiner Art geglückten und vollendeten Harnack’schen Vorstoß hin nachzustoßen. Nun, unsere Knochen sind noch alle beieinander trotz Harnack-Vischer. Es ist dir wirklich keine, aber auch gar keine beachtliche Einrede begegnet. Offenbar hat Harnack so gewirkt, daß sich alle in ihrem sozusagen «Besten» bestärkt und bestätigt fühlten und höchstens aufs neue nur dazu gewillt und befähigt waren, am Endpunkt aller ihrer guten Meinungen «das Unerforschliche ruhig zu verehren».1 Nun trat aber unter deinen Händen das «Unerforschliche» an Propheten und Aposteln, auf Golgatha und am leeren Grab mit unerhörter Vehemenz als das Erste und das Letzte, als die Grundlagen des Lebens bewegende und neuschaffende Dynamis in Erscheinung. Was Wunder, daß sich alle zu ihren altgewohnten Altären flüchteten und dich als den der Tempelschändung Angeklagten oder gar nur als unwissenschaftlichen Prediger vom |382 Lande verdächtigten und die unheimliche Gewalt der von dir enthüllten biblischen Gesichte abschüttelten und als Spuk erklärten. Es wird jetzt erst recht gut sein, wenn die Overbeckschrift 📖 erscheint. Das Gefecht schreitet weiter. Übrigens ist keine Rede davon, daß du nur eine negative Reaktion erzeugt hättest. Lies beiliegenden Brief unsrer Basler Freundin Martha Lüssy, die dich, obwohl sie keine intellektuelle Natur ist, ganz gut und tief verstanden hat. Es sind noch viele, vor allem unter den Laien, die Harnack nicht erlagen. Mir persönlich ist deine Auseinandersetzung mit der Religionsgeschichte besonders wichtig geworden. Ich habe die deinem Vortrag zu Grunde liegende Osterpredigt, deine Angst, etwas zu verschütten oder zu verraten, deutlich mitgespürt und das Bewußtsein der Incongruenz des Gesagten zum Gemeinten mitempfunden und habe in diesem Bewußtsein und in dieser Angst den eigentlichen Zeugnischarakter deines Redens gefunden. Du selber stehst unnahbar und darum unantastbar da, ein «jaschar», wie Bengels Leibwort aus den Psalmen («schlicht, gerade, recht») es meint. Ich bin mit einigen Zürchern heimgereist und habe mich ziemlich unerfreulich mit ihnen unterhalten. Einer redete mit Respekt von der immerhin großen Lebensarbeit Harnacks, die gewiß niemand bestreiten wird, aber ich dachte an Overbeck, und alle fielen über mich her, als ich Harnacks Rede etwas fraglich fand. Und nun bin ich froh über unsere Freiheit, wenn auch aufs Neue gewahr unserer Isoliertheit endlich in meiner Studierstube und hinter meiner Predigt gelandet. Ich mußte ihr freilich bis in die Nacht hinein Änderungen und neue Wendungen angedeihen lassen; es war nicht anders möglich nach den Eindrücken von deinem Vortrag her.

Neues geschieht hier nicht. Die Fremdheit, die uns hier umgibt, hält mich wie gefangen, und ich empfinde die Predigt als das einzige Loch, um herauszuschlüpfen. Mein Kirchenpflegspräsident, Robert Sturzenegger,2 ein Kaufmann, steht mir wacker zur Seite. Pfarrer Hans Burri besuchte mich gestern Abend. Wir lasen zusammen Platos Eutyphron 📖, den, wie Burri sagt, einzigen Dialog, in welchem Sokrates mit einem «Pfarrer» redet.

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Wir müssen uns bald einmal sehen. Wie bist du heimgekommen? Ich konnte noch ein wenig mit deinem Bruder Heinrich reden, was mich sehr freute.

Herzliche Grüße von uns beiden!
Eduard

Eben kam dein Brief. Herzlichsten Dank! Was für gute reiche Nachrichten! Du konntest nichts besseres tun, als diesen Rösselsprung Harnack-Vischer — Carl Albrecht Bernoulli — Frau Overbeck — auszuführen. Ich habe schmunzelnd Kenntnis davon genommen. Der Brief der unbekannten Aarauerin über deinen Aarauer Vortrag ist ungewöhnlich gut. Was willst du mehr! Die Stellungen unsrer Gegner sind wirklich sturmreif. Wenn die Auseinandersetzung nur nicht zu schnell kommt!

Sachfußnoten

1
«Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.» Goethe, Maximen und Reflexionen, aus dem Nachlaß; Über Natur und Naturwissenschaft. 📖↩
2
Rob. Sturzenegger (1883–1961), kirchlich sehr interessierter Kaufmann, Mitglied der Leitung des Schweiz. Kirchenbundes, Freund Thurneysens.↩