23. Dezember 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Leider wird dies kein Weihnachtsbrief, sondern die Mitteilung, daß Ragaz, in einem Vorhof der Hölle sitzend, in einem 16 |362 seitigen Zornbrief an mich alles, alles ergossen hat, was er gegen dich hat. Und nun muß ich diese Weissagung an dich weitergeben. Ragaz bemerkt übrigens, der Brief sei nur für mich bestimmt, ich dürfe dir aber den «sachlichen» Inhalt mitteilen. Er ist mit kranker Hand geschrieben und kann gerade sachlich nicht ernst genommen werden. Denn der Inhalt besteht in einem Schwall von aus allertiefster Verletzung kommenden Anklagen. Hier ein paar Sätze: «Der Römerbrief 📖 hat auf mich als ein Dolchstoß gewirkt. Mein Herz ist stark, sonst hätte wohl dieses Buch genügen können, um es tödlich zu verletzen. Das Vergiftende dabei war, daß es von einem Menschen kam, den ich trotz aller sachlichen Differenzen liebte, den ich im Sinne hatte, zu meinem Nachfolger vorzuschlagen.» Sachlich sei er nach der Lektüre «in allem Wesentlichen» mit dir einverstanden, aber deine Polemik sei «unnötig, unwahr und unwahrhaftig». «Ich bin erstaunt gewesen über dieses Maß des Hasses gegen mich, was ich gelitten habe, mögen Sie ahnen, es ist eine schwere Tragödie.» […] Willst du noch mehr hören? Ich denke es genügt, und wir wollen das Zornfaß zudecken. Laß es dich nicht anfechten! Und nun gehen wir also im seltsamen Zwielicht, das aus dieser Kundgebung von Ragaz auf uns fällt, unentwegt, wenn auch nicht unangefochten, dem neuen Jahr entgegen und lassen uns weder umbringen noch gar voneinander abspalten. Wir sollten uns doch sehr bald einmal wieder sehen.

Herzlich
dein
Eduard