14. Dezember 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Bist du auch so im Gedränge wie ich? Mir fliegen die Tage nur so dahin. Seit drei Wochen diktiere ich zwei- bis dreimal wöchentlich eine Übersetzung und kurze Auslegung des Epheserbriefs; du kannst dann die Blätter besichtigen, wenn das Maß voll ist.

Ja, der «Aufbau»! Das Ding wäre ja so übel nicht, wenn man nicht von unsern Bündnern mehr erwarten müßte als das, was da an sich ganz nett geboten wird. Ob ihnen das Lob der «Basler Nachrichten» nicht etwas zu denken gibt? — Ich lege dir drei Nummern von Ehrenbergs Blatt1 bei. Abgesehen von dem kirchenpolitischen Beisatz ists eigentlich ganz gut: Dostojewski, Kutter, Ehrenbergs eigene Beiträge, es hat alles erheblich mehr Salz als das «Neue Werk».

Kampschulte. Ich habe unterdessen noch den 1. Band der Schwarzschen Calvinbriefe2 durchgelesen und muß Wernle darin |360 doch recht geben, daß Kampschulte Calvin 📖 allzusehr von außen betrachtet hat. Der Pharisäismus seines Kirchen- und Staatsideals liegt ja auf der Hand. Aber das offene Fenster gegen das «Überhimmlische» liegt eben bei Calvin in seiner Prädestinationslehre. Lies nur einmal nach, wie verständnislos Kampschulte im 1. Band über die Institutio 📖 redet. Calvin war zu gescheit, kommts mir bei seinen Briefen vor, das wurde ihm und seiner Umgebung gefährlich, die δύναμις θεοῦ konnte bei seinem Wirken und Reden hemmungslos agieren, allzu hemmungslos, denn sie war dann auf einmal nicht mehr δύναμις θεοῦ. Aber wenn man daneben hält, wie stark er sich persönlich als Pilger und Fremdling fühlte, empfindet man doch mehr Respekt vor der Quelle als Abscheu vor ihrer Verunreinigung. Als der Mann in den Himmel kam, wird sich ja das ganze Mißverständnis mit der civitas Dei kraft der Vergebung der Sünden sofort geklärt haben. Wir wollen froh sein, daß wir nicht so stark in Versuchung geführt sind. Von diesem Hintergrund: wie stark Calvin eben von Gott in Versuchung geführt war, von der Tragik dieses Lebens, die doch nicht ohne Erlösungshintergrund ist, hat ja Kampschulte keine Ahnung. Er sieht nur seine mißlichen Ratsprotokolle und excerpiert Calvin selbst wirklich nicht gerade sachlich. Ist er [Kampschulte] nicht mehr der Alt-Katholik, der dem Abscheu des liberalen Bürgertums vor der Theokratie überhaupt Ausdruck gibt, als unser Mann? Als Gegengift etwa gegen das Buch vom alten Stähelin3 und auch gegen den Persönlichkeitsrummel, der 1909 mit Calvin getrieben wurde, hat er natürlich seine gute Funktion. Es sollte eben wahrscheinlich einmal einer von uns die Calvinbiographie schreiben. Es gefällt mir vieles an ihm, z. B. sein durchaus sachliches Verkehren mit Farel4 und Viret5 unter steter Einbeziehung der verschiedenen Ehefrauen, sein häufiges Reisen (öfters zu Pferd, das fehlt uns noch!), der Haß der Berner gegen ihn, sein «Durchschaut!» so mancher Kirchengröße gegenüber (wobei er dann doch einmal wüst hereinfiel auf einen polnischen Hochstapler!). «Es» lebt und bewegt sich eben doch durchaus bei ihm, er ist durchaus nicht der Manokel auf Rädlein, der in dem un|361glücklichen Genf herumfährt am Schnürlein gezogen, wie es bei Kampschulte aussieht. Den Grund, weshalb die Genfer ihn eben im Grund doch durchaus bejahten und wollten, kann Kampschulte doch nirgends plausibel machen. Es hat seine Gründe, daß das Ragaz [in Zürich] nie gelungen ist noch gelingen wird. Ich möchte ihn also trotz allem in der Reihe der sehr erheblichen und beachtlichen «Väter in Christo» behalten.

[…] Wenn ich heimkomme, will ich versuchen, eine Antwort an Rosenstock zu kanzeln. […] — Mein Unterweisen ist gegenwärtig wieder einmal besonders jämmerlich. Das Reich Gottes will und will sich bei mir nicht zum Lehrstoff gestalten, trotz aller Künste. Vielleicht verzichte ich eines Tages völlig und kehre […] zum «Heidelberger» zurück, lasse auswendig lernen und höre ab, wie unsre Väter taten.

Herzlichen Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Christliches Volksblatt (Heidelberg; hrsg. vom Badischen Volkskirchenbund), seit 1919. Es gab eine Monats- und eine Wochenausgabe, erstere unter Schriftleitung von H. Ehrenberg.↩
2
R. Schwarz, Johannes Calvins Lebenswerk in seinen Briefen. Eine Auswahl von Briefen Calvins in deutscher Übersetzung, 2 Bände, Tübingen 1909. 📖 Das Urteil von Wernle über Kampschulte findet sich in Wernles Geleitwort zum 1. Band des Schwarzschen Werkes.↩
3
E. Stähelin, Johannes Calvin. Leben und ausgewählte Schriften, 2 Bde. (= Leben und ausgewählte Schriften der Väter und Begründer der reformierten Kirche, IV. Theil, 1. und 2. Hälfte), Elberfeld 1863. 📖 (Pfr. Dr. E. Stähelin, 1829-1888.) ↩
4
Wilhelm Farel (1489–1566), Reformator der Westschweiz; er hält 1536 Calvin auf dessen Durchreise in Genf zurück.↩
5
Peter Viret (1511–1571), Mitarbeiter Farels, tätig in Genf während Calvins Ausweisung von dort, wirkte später im Süden Frankreichs.↩