12. Dezember 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Eben habe auch ich Rosenstocks «Europa und die Christenheit»1 gleich einem «guten Mittagessen» zu mir genommen und freue mich dieses so wohl erleuchteten Mannes Rede. Es ist sicher eine gute Verbindung, die du da gewonnen hast; er interessiert einen noch mehr als Ehrenberg. Und sein Brückenschlag über den römischen Graben ist verheißungsvoll. Zudem ersehe ich aus seinem Vorwort, daß auch er nach Rußland hinüberblickt! Einzig die providentielle Leistung der Sozialdemokratie scheint er noch nicht recht zu erkennen. […]

358Es nimmt mich wunder, ob es nicht auch das Ergebnis deiner Kampschulte-Lektüre 📖 war, daß du das protestantisch-Pharisäische wieder deutlich gesehen hast, das «neue Werk» (ein übrigens etwas zweideutiges nomen unsrer deutschen Freunde!) in Genf. — Ich sende dir hier leihweise eine Osterpredigt aus Boll, die dich interessieren wird. Zugleich mit der Bitte, wenn du bald einmal kommst, doch einiges von deinen Notizen über 1.Kor. 15 mitzubringen. Ich möchte dieses Kapitel doch einmal mit dir lesen. Ich bin in diesen Tagen selber lang darüber gesessen, ohne alles wirklich zu verstehen, und doch in dem deutlichen Gefühl, daß hinter dem Schleier dieser Sätze die letzte Erkenntnis besonders kräftig verborgen liege. Ich bin wieder darauf gestoßen, weil ich in der Unterweisung gerade am letzten «Gleichnis», am Sterben war. Die Gleichnismethode ist als solche sicher gut und recht, um vom «Weltlauf» zu reden, aber … Jedenfalls gefällt mir an unserm Aufbau2 das aufs neue, daß Christus von Anfang an vorausgesetzt und das heißt verkündigt wird, daß es also nirgends zu einer «Anwendung» des Evangeliums aufs Leben kommt, der eine immer schiefe Darstellung des Wesens an sich vorausgeschickt werden muß. Das «Wesen» ist das Wunder, die Übernatur oder, wie du offenbar Rosenstock mitgeteilt hast, das «Überhimmlische» (!), und das erträgt keine Anwendungen. Das versteht Ragaz nicht — übrigens auch Freund Bader nicht. […]

Übermorgen will ich über den Antichrist predigen, ein gutes Thema für die Adventszeit. Ich wills wenigstens versuchen; allerlei Linien von den Pharisäern bis zu Wilson und uns schweben mir vor; hoffentlich werde ich über diesem Reden nicht selber zum Pharisäer, Idealist und Antichrist.

Wir müssen einstweilen und nicht nur einstweilen doppelt fest zusammenhalten. Es erheben sich überall die vexilla Antichristi, die Kirche «wacht auf», die Jünglingsvereine «erkennen» die «Zeichen der Zeit», die jungchristliche Allianz redet von ihrer «Friedensarbeit», der «Aufbau»3 von seinen Genossenschaften, in den «Neuen Wegen» werden wir also als Pietisten umgebracht,4 in Basel als Erlebnisapostel mißverstanden, nur der «Tag des |359 Menschensohnes» [Lk 17,22] erscheint in keiner Erkenntnis, abgesehen von unsern deutschen Freunden (wenigstens bei Rosenstock taucht er auf).

Hast du deine Suhrer Rede schon abgesendet? Tu’s doch. Mir ist sie hilfreich gewesen: das Nein der Sozialdemokraten zu allen Geistigkeiten, Kulturerhebungen, Verklärungen und steilen Ikarusflügen, das Verharrenwollen in der Unsicherheit, das darin Kindlichsein: das ist die Wahrheit und muß jetzt gesagt werden, so fraglich alle «Stellungen» dadurch werden.

Sei herzlich gegrüßt mit Nelly und den Kleinen!
Eduard

Sachfußnoten

1
E. Rosenstock, Europa und die Christenheit, Kempten/München 1919. 📖 ↩
2
Barths und Thurneysens Aufbau ihres Konfirmandenunterrichts.↩
3
Der Aufbau. Sozialistische Wochenzeitung, Zürich. Redaktoren: Max Gerwig und Max Gerber. ↩
4
Vgl. L. Ragaz, Gottesreich und Politik. Gespräch zwischen Quidam und einem Pietisten, in: Neue Wege, Jg. 13 (1919), S. 540–556. 📖 ↩