1. Dezember 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Deine Suhrerrede war nichts weniger als ein Durchfall. Für mich hatte sie etwas durchaus Überzeugendes und Befreiendes. Es muß bei solchen Gelegenheiten irgendwie doch beim Gleichnis bleiben, wie es bei dir geschehen ist. Du hast uns den Sozialismus ausgelegt und zum Schluß auch noch die letzte Beziehung aufgedeckt, von der her alles Vorhergehende geredet war — für die, welche Ohren hatten zu hören. Das ist vorläufig sicher genug. Wer mehr sagen will, sagt weniger. Dagegen liegt ein gelegentliches Hingehen und im Gleichnis reden, wie du es versucht hast, durchaus in der Linie des N. T. Und wenn wir wissen, was wir tun, so ist überhaupt das plötzliche, überraschende Auftauchen an Orten, wo man uns nicht vermutete, und das damit versuchte Herstellen einer Beziehung, an die niemand denkt und glaubt, etwas das ganz von ferne und ganz im Kleinen und nur in der Analogie, aber immerhin in der Analogie steht zu jenen großen Zeichen des Himmelreichs, die im N. T. errichtet sind. Das isolierte kirchliche Predigen allein tuts eben nicht.

Hast du im «Neuwerk» Eberhard Arnold1 vernommen mit seiner christusgläubigen DCSV? An ihm ist offenbar alles in Tambach Gesagte abgeglitten! Und Hans Hartmanns2 Empfehlung Rittelmeyers, der uns sogar nahestehen soll, da er doch das Gute und Tiefe im Menschen so deutlich sehe! Was soll das?

Wie wars in Bern? Gut gespeist? Bierlein genehmigt? Zum Nachtisch etwa bei Schädelin?

Herzlich
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Eberhard Arnold (1883–1935), Sekretär der Deutsch-christl. Studenten-vereinigung, gründete später in der Rhön einen Hutterischen Bruderhof, wanderte, von den Nazi vertrieben, nach Paraguay aus und starb im Elisabethenstift in Darmstadt. — E. Arnold, Die Deutsche Christliche Studenten-Vereinigung als Bewegung, in: Das neue Werk, Jg. 1 (1919/20), Nr. 35 (30.11.1919), Sp. 560–564. 📖 ↩
2
Hans Hartmann (geb. 1888), damals Pfarrer in Solingen, Sozialist, später freier Schriftsteller. — H. Hartmann, Die deutsche Not im Lichte Jesu (zu F. Rittelmeyers gleichnamiger Predigtsammlung), ebd. Sp. 556f. 📖 ↩