18. Oktober 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Wernles Wort zum Römerbrief1 wird dich auch erreicht haben. Es geschehen Zeichen. Die beginnende Autorität deiner Auslegung zwingt auch die Zunft zur Stellungnahme. Und da ist Wernle nun doch der Erste, der ehrlich und entschlossen das Schweigen bricht und dich zunächst einmal neben Luther und Paulus selber stellt! Was willst du mehr? Sein Einwand wegen der Übersetzung von πίστις mit Treue Gottes statt nur mit Glaube ist sofort hinfällig, wenn man bedenkt, daß für die Briefleser die griechische Vokabel eben beides bedeutete. Übrigens macht sein ganzes Reden den Eindruck eines Rückzugsgefechtes. Warum will er sich denn doch partout eins wissen mit dir? Warum mißversteht er deinen letzten Vorwortsatz so merkwürdig? […]

In Zürich singt Bader das Lob der Tambacher Konferenz in allen Tönen. Er hat mit einem ganzen Dutzend der deutschen Teilnehmer Bruderschaft geschlossen.

348Warum hüllst du dich in Schweigen? Ist das eine Vorwegnahme der Dinge, wie sie sich gestalten könnten, wenn wir in den Osten verbannt werden?

Herzlich
Eduard

Sachfußnoten

1
P. Wernle, Der Römerbrief in neuer Beleuchtung, in: Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, Jg. 34 (1919), S. 163f., 167-169. 📖↩