18. September 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

[…] Ich werde also Sonntag früh um 1/28 Uhr mit vollen Segeln in See stechen müssen (mit einer Grenzpfeife). […] Die Arbeit an diesem Vortrag beschäftigt mich jetzt vollauf; es liegt noch viel vor mir, und alles wird noch ein wenig anders als das erste Mal. Daneben muß ich noch zwischen Aarau und hier hin und herradeln wegen eines Lochs im Zahn und litt gestern große Pein.

Beim Zahnarzt las ich denn auch die Kunde von deiner Wahl. Nun es nach allem Auf und Ab geschehen ist, bin ich eigentlich nur betrübt und kann es noch gar nicht glauben, wie bei einer Beerdigung, wo man immer denkt, es könne gar nicht sein. Ich sehe mich noch so gar nicht allein in der aargauischen Wüste. Aber du sollst nun freudig deine Straße ziehen und wirst dort draußen gute Arbeit tun. — Wie hast dus eigentlich mit der Versammlung der «Freunde der christlichen Welt» in Eisenach? Ich gedenke das auch noch mitzumachen und zwischendrin mich irgendwo, z. B. in Marburg, herumzutreiben.1 Wenn mir nur nicht auch dort ein allzu starker Schwefelgeruch vorausginge!

Hat Bader dir seinen Vortrag auch geschickt? Seine Sachen sind alle so merkwürdig winklig und unerleuchtet. Ragazens Predigt über den neuen Himmel etc.2 gelesen? Immer die gleichen Verwechslungen! […]

In unserm Eßzimmer wird der Boden herausgerissen, sodaß man nun zur Türe hereintretend, direkt in den Keller hinunterfallen müßte, was mir bei Tisch zu lehrreichen Ausführungen über die kritische Negation in ihrer positiven Bedeutung im Unter|347schied zum Buddhismus (Sturz in den Keller!) Anlaß gab. Das neue Linoleum auf dem alten Boden wäre die Kirche gewesen. Und das geht eben nicht. — Die Anfrage für den Aarauer Vortrag3 ist da, und ich sage ohne Enthusiasmus und ohne Illusion zu.

Herzlichen Gruß von deinem einsam in Nacht und Grauen zurückbleibenden
Karl

Sachfußnoten

1
Barth fuhr dann nicht nach Marburg und Eisenach, sondern kehrte gleich nach Abschluß der Tambacher Konferenz am 26./27.9. zusammen mit Thurneysen nach Hause zurück.↩
2
L. Ragaz, Wir harren eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Predigt über 2.Petr 3,10–13), in: Neue Wege, Jg. 13 (1919), S. 373–391. 📖↩
3
Vortrag auf der 24. Aarauer Studentenkonferenz am 17.4.1920: K. Barth, Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke, München 1920 📖; wieder abgedruckt in: K. Barth, Das Wort Gottes und die Theologie, S. 70–98. 📖↩