11. September 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier sende ich dir, was ich […] in ununterbrochener Tag- und Nachtschicht (vorläufig) für Tambach verfaßt habe. Hast du Zeit, es schnell durchzusehen, deine Bemerkungen und Ergänzungen dazu zu machen und es mir dann eiligst wieder eingeschrieben zurückzusenden? Ich wäre so froh, bevor ich die Sache |344 endgültig festlege, dein Einverständnis zu haben. Wie du siehst, ist es eine nicht ganz einfache Maschine geworden, vorwärts- und rückwärtslaufend, nach allen Seiten schießend, an offenen und heimlichen Scharnieren kein Mangel. Sieh alles gut nach, ob alles gut ineinander greift. Heiners Vortrag1 hat mit Wind und Gegenwind mächtig auf meine Fahrt eingewirkt. Sein Ende befriedigt mich beim Lesen doch nicht recht, dieses «Ende gut, Alles gut» riecht einfach ein wenig kirchlich.

Doch nun zu der entscheidenden Nachricht, die du mir letzte Woche gegeben hast.2 Also du bleibst. Welche Erleichterung und Freude über uns Beide kam, brauche ich dir nicht zu sagen. Die Sache lag ja wie ein schwarzer Schatten über uns, umso mehr als ich gar kein Pathos fand, dich beschwörend im Aargau festzuhalten. Mir schienen gegen meinen Wunsch alle Gründe fürs Gehen zu sprechen. Und nun gehst du doch nicht, und so ist für den Aargau und für mich bis auf weiteres alles, alles wieder gut. Hoffentlich auch für dich selbst und deine Arbeit. Doch wie sollte es nicht: du hast dich sub specie aeternitatis entschieden, und so wird es das Rechte sein. Das Nähere mußt du mir dann noch erzählen.

An die Predigerversammlung wollte ich wirklich auch kommen. Aber im letzten Augenblick, als ich abfahren wollte, reuten mich die schönen Tage, ich fuhr dann nur nach Aarau, um den Paß zu bestellen und Pfarrer Grob aufzubieten, der mich am Bettag vertreten wird (welche Erleichterung, so einmal dem Bettag zu entrinnen!!), kaufte ein Päckli Havanna-Stumpen und setzte mich ans Werk. Ich sehe aus den «Basler Nachrichten», daß du geredet und M.s milden Beifall gefunden hast. Wie war das? […]

Herpel telegraphierte: «Einverstanden. Thurneysen mitbringen.» Du weißt also, was du zu tun hast. Ich reise mit Liechtenhan und Bader in der Morgenfrühe des Bettags. Die Reise dieser seltsamen drei Väter3 könnte auch noch gut werden. Könntest du nicht auch gleich dann kommen?!

[…] Hier noch eine nette Kundgebung aus dem Volk. […] Im Übrigen haben meine Artikel hauptsächlich einen «ernsten |345 Bibelforscher» in Baden aufgeregt, der mich nun mit demütigen Zusendungen […] bombardiert. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
H. Barth, Gotteserkenntnis; vgl. Anm. 1 zum Brief vom 10.4.1919 📖.↩
2
Thurneysen hatte sich zur Ablehnung des Rufes nach St. Gallen entschlossen. Er nahm ihn dann doch an.↩
3
Der Ausdruck «Väter» für die Wortführer der schweizerischen religiössozialen Bewegung stammt aus dem Einladungsschreiben O. Herpels; vgl. Anm. 1 zum Brief vom 26.6.1919.↩