16. Juli 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier endlich die Sendung von Rudi [Pestalozzi], […] die dich über die neue Modifikation des Reiseplans unterrichten wird.

Wie hats wohl mit Kutter noch geendigt?1 Fällt es dir nicht auch auf, daß wir ihm alsgemach aus der Schule wachsen, wenn man so sagen darf? Eine tiefere Bedeutung hat das ja nicht, und daß im einzelnen immer etwas bei ihm zu hören ist, ist auch keine Frage. Aber die Beobachtung, daß seine Belehrungen immer mehr auf Wiederholungen und Umschreibungen von schon Gehörtem hinauslaufen, während er andrerseits für unsre Nöte und Fragen offenbar nicht mehr recht Verständnis hat, ist mir ein Ansporn mehr zum selbständigen Weitermachen. Zur Dankbarkeit ist ja noch immer Anlaß genug, aber die Maria-Stellung, in der er einen immer gerne sähe, ists nicht mehr. Oder übersehe ich da etwas Entscheidendes? […]

Heute waren Peter und Schädelin da, um mir Bergkleidung, Sturmhaube und Eispickel zu bringen!! Welches Entsetzen unsere Pläne in alpinen Kreisen auslösen, magst du aus Peters vorausgesandter Karte ersehen. Schädelin redete gewaltig auf mich ein, ich solle mich an eine der vakanten Stellen an der Heiliggeistkirche in Bern melden. Das sieht mich nun sehr neu und fremdartig an. Was soll ich dort? Aber man könnte ja auch fragen, was ich hier noch soll? Bern hätte den großen Vorteil, daß es nicht Zürich und nicht Basel ist, was eine Summe von schönen Freiheiten und Möglichkeiten bedeutet. Die Wahl müßte durch sozialdemokratische Sturmtruppen durchgesetzt werden. Zwei alte Kollegen (ein Reformer, ein Positiver), Kirche neben dem Bahnhof mit beständiger Tramglockenstörung, Bundeshaus und Universität im Gemeinderayon! Aber auch Schieber-Hotels, Warenhäuser, unzählige Pinten. Kirchlich bis dahin Null Null. Eben darum unerhörte Möglichkeiten, meint Schädelin. Was ist davon zu halten? Wir wollen auf der Durchreise die Stätte von allen Seiten besichtigen und das Weitere überlegen. Es wird näm|341lich gleichzeitig eine vierte neue Stelle kreiert. Da könntest du vielleicht gleich auch noch Unterkunft finden!

Heute las ich Schleiermachers Schrift über die Universitäten,2 was mich neuerdings zum Sinnen über unsre Stellung zur Theologie veranlaßt. Hat unsre Sache Platz auf der Universität (ich meine «theoretisch»!!!), wenn ja, welchen? wenn nein, wie rechtfertigen wir den maßlosen Anspruch, der darin liegt? Kutter scheint auch kein deutliches Bild davon zu haben. Mir kam gestern die Frage wieder in die Quere durch den Brief von Lukas Christ. Mit welchem Recht verdränge ich nach Christs Wunsch den Herrn Hausheer bei den Studenten?3 Und wenn ichs tue, was ist dann zu ihnen zu sagen über «unsere» Methode, in der Bibel zu lesen? Wir sollten es doch offenbar fertig bringen, zu den Wissenschaftlern wissenschaftlich zu reden wie zu den Politikern politisch, ohne darum Wissenschaftler oder Politiker zu werden. Es ist wieder das Problem jenes Kreuzungspunktes der göttlichen und menschlichen Wege und Gedanken, der offenbar mindestens gesucht sein will.

Mit herzlichem Gruß und Dank für eure Gastfreundschaft […]
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Thurneysen war in Zürich gewesen.↩
2
F. Schleiermacher, Gelegentliche Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn (1808), in: E. Spranger (Hrsg.), Über das Wesen der Universität. Drei Aufsätze von J. G. Fichte, F. Schleiermacher, H. Steffens (= Philos. Bibliothek Bd. 120), Leipzig 1919. 📖 ↩
3
Jakob Hausheer (1865–1936), Prof. für A. T. in Zürich. L. Christ hatte Barth mitgeteilt, daß er demnächst um einen Vortrag auf der Aarauer Studentenkonferenz 1920 werde gebeten werden, und ihn zu einer Zusage aufgefordert, da sonst Hausheer den Vortrag halten werde.↩