10. Juli 1919

Eduard Thurneysen an Karl Barth

339
Lieber Karl,

Ich bin sehr dafür, daß wir uns noch sehen. Hier vorläufig mein Versuch einer Antwort an Herpel. Ich rede ziemlich deutlich — ists unverschämt? zu unverblümt? Es scheint mir angesichts des «Christl. Demokrat» allerdings nötig, daß wir offen sagen, wie wirs allein meinen verantworten zu können. Sonst endet die Sache unglücklich. Umsomehr als nun auch von Zürich aus Briefe abgehen werden, die vielleicht nur zu gern nach dieser Gelegenheit «großen Stils» greifen! Mir graut auch vor diesem Eisenbahnwagen voll Religiössozialer. Kutter will freilich nicht mithalten. Er sagte, die innere Besinnung aufs Göttliche müsse in den Deutschen selber und allein aufwachen; es gefalle ihm nicht, daß da gleich von einer großen «Bewegung» die Rede sei. Deinen Artikel im «Freien Aargauer» habe ich sogleich in 40 Exemplaren zur Verteilung bestellt. Er ist völlig das Wort, das geredet werden mußte.

Herzlich
dein
Eduard