8. Juli 1919

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Könnten wir uns nicht noch einmal sehen vor der Alpenreise? Wenns nicht sein kann, so besprechen wir das Nötige hinter der Jungfrau, aber ich hätte jetzt schon das Bedürfnis. Es ist überall soviel Fragliches und Ungeklärtes, daneben die paar verheißungsvollen «vorlaufenden Strahlen» — was für eine Zeit! Hier kommt ein neuer Brief von Herrn Herpel. Wirds dir nicht auch etwas bänglich, wenn du das liesest? Die guten Leute! Und wir, wie werden wir es anstellen, ihnen vor allem zu sagen, daß das mit der Widerlegung von Naumann und Konsorten nicht so rasch geht, daß man ein «Gotteswerk» nicht mit einem «Wochenblatt für das evangelische Haus»1 («Nachbarin, euer Fläschchen!»)2 anfängt und daß das mit der «inseitigen Zukunft» gerade der παλαιὸς ist, der abgelegt werden muß [vgl. Eph 4,22]? Was tun, um sich [in] dieser religiös-sozialen Hurrastimmung, in der das «Mit Gott für Kaiser und Vaterland!» doch immer noch etwas |337 nachklingt, überhaupt Gehör zu verschaffen für den Hinweis auf das totaliter aliter des Himmelreichs? Wir werden bedächtigst an diese Sache herangehen müssen. Hast du schon Gedanken darüber, wie? Aus dem Artikelschreiben gibts natürlich vorläufig nichts und wahrscheinlich nie etwas. Da könnten wir auch ins «Monatsblatt» schreiben! Könntest du ihm nicht gleich in deiner Antwort auf seine Anfrage ein paar Lichter aufzustecken versuchen? […] Wollte der Mann jetzt doch vor allem von unsern Büchern Notiz nehmen, damit die Unterhaltung etwas substantieller wird! […]

Denk, gestern hat mich ein Geist (hoffentlich kein ganz schlechter oder schwacher) getrieben «Ein Wort an das aargauische Bürgertum» in den «Freien Aargauer» zu schreiben über die am Sonntag verpaßte Gelegenheit, etwas gegen den Bolschewismus zu tun.3 […] Die «Sache» kommt darin allerdings nur in einer gewissen Gebrochenheit oder Gehemmtheit der Sprache zum Ausdruck. […] Es tönte ursprünglich Alles viel kräftiger, direkter, mit vielen «ihr» und «euch», die nun verschwunden sind. Sag mir dann, ob du das kleine Unternehmen «im untern Stockwerk» für nützlich hältst. […] Ich hatte gestern […] einen Pfarrer L. aus […] (St. Gallen) [zu Besuch], der hier eine Schwester hat und mich mit kopfschüttelnder Ver-/Be- wunderung predigen hörte, um mir dann auseinanderzusetzen, ihm sei eben das Wichtigste in der Welt: er selbst, hier aber fühle er sich — im Gegensatz zu mir und im Einklang mit Paulus Römer 8 — seines Heiles gewiß, Bücher lese er keine, er habe das nie gekonnt, wohl aber habe er schwere Erfahrungen hinter sich, seine Gemeinde sei fast in corpore eine Schmugglergesellschaft, aber daran sei er doch wirklich nicht mitschuldig (dies unter Gelächter), meine Auffassung vom Leben sei naturhaft, seine aber auf die Gnade gestellt, ich nehme die Sache viel zu schwer («Sie sind ja ganz bleich!»), er aber sei ein einfacher Mensch usw. — alles in höchster Gesprächigkeit und Sicherheit. Es ist doch einfach alles möglich hinieden!

An Zürich denke ich auch mit wachsendem Befremden. Die Art, wie in den «Neuen Wegen» der unglückliche Bauhofer zuerst |338 zur Mitarbeit eingeladen S. 247! und dann von zwei bewährten Kämpen abgemurkst wird,4 finde ich gänzlich unnobel und widerchristlich. Bader kündigte mir bereits eine Konferenz der zukünftigen Deutschland-Apostel5 an. Das fehlt nun gerade noch, daß wir zuerst Ragaz ins Gilet heulen müssen! Was wird da in den Hundstagen noch alles ausgebrütet werden? Ist Kutter auch von der Partie? Wie wärs, wenn man einen Extrazug rüstete mit Schlafwagen und Druckerei-Einrichtung nach berühmten Vorbildern? […] Welche Perspektiven! «Ich kann mir nicht helfen …», es droht da allerlei.

Ich las diese Woche Wendlands Buch über die hellenistische Kultur6 und erstaunte über die Vollständigkeit, in der die christliche Kirche bis und mit Ragaz (um nicht zu sagen bis und mit uns) schon vor und ohne Christus vorhanden und in Betrieb war. Es fehlt von allen Nuancen und Möglichkeiten kaum eine, und man kann sich mit Wendland nicht genug wundern, daß dann auf einmal auf eine Zeit lang unter 1000 Parallelen diese eine war, die bei aller Parallelität keine Parallele war. Wendland hütet sich freilich wohl, auf diese konstatierte Tatsache näher einzutreten; es hätte einen zu wüsten Strich durch sein schönes buntes Bild gegeben. Ich bin nun an seiner Darstellung der neutestamentlichen Literaturformen,7 wo er langweilig wird. Man kann nur von Zeit zu Zeit ein Warum? an den Rand setzen, wenn er dem Feuer wieder zu nahe kommt und kopfschüttelnd etwas feststellen muß von Auferstehungsglaube und dgl., ohne zu merken, was eigentlich los ist. […]

Ich freue mich auch schelmisch auf die Reise. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
Herpel hatte Barth um Mitarbeit an der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Der Christliche Demokrat» mit dem Untertitel «Wochenblatt für das evangelische Haus» gebeten. Die Zeitschrift wurde noch während ihres ersten Jahrgangs umbenannt in: «Das neue Werk. Der Christ im Volksstaat».↩
2
Goethe, Faust I, 3834. 📖 ↩
3
Ein Bürgerlicher hatte gegen einen gemäßigten Sozialdemokraten die Wahl in die kantonale Regierung gewonnen. Barth bezeichnet das in dem Artikel (Neuer Freier Aargauer, Jg. 14, Nr. 157, vom 10.7.1919 📖) als verpaßte Gelegenheit, den auf Umsturz drängenden radikalen Sozialisten «den Wind aus den Segeln zu nehmen».↩
4
O. Bauhofer, Christentum, Kultur, Staat. Ein Beitrag zur Diskussion über das Militärproblem, in: Neue Wege, Jg. 13 (1919), S. 247–254. 📖 Dazu im folgenden Heft (Juni 1919): R. Lejeune, Christentum, Kultur, Staat. Eine Entgegnung, ebd. S. 281–293 📖; E. Blum, Christentum, Kultur, Staat. Eine Erwiderung, ebd. S. 294–299. 📖 ↩
5
Die schweizerischen religiös-sozialen Teilnehmer an der Konferenz in Tambach. Ursprünglich wollten sie in noch größerer Anzahl teilnehmen, als es dann geschah.↩
6
P. Wendland, Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum, in: H. Lietzmann (Hrsg.), Handbuch zum Neuen Testament, Bd. 1, Teil 2, Tübingen 19122.3. 📖 ↩
7
Ders., Die urchristlichen Literaturformen, a. W. Bd. 1, Teil 3, Tübingen 19122.3. 📖 ↩