335
28. Juni 1919
[…] Die Kirchenblattnummer bietet von A-Z ein höchst bedauerliches Zeitbild. […] Die nötige «Schmach» wird uns auch in Zukunft nicht fehlen, wenn es so getrieben wird. Schade! aber umso stärker die Aufforderung [an uns], bei der Stange zu bleiben. Der Bericht aus der Zürcher Synode mutet an wie eine Szene aus dem Inferno. Nur nie nach Zürich! möchte man sich wieder verschwören! […] Der heutige Leitartikel der «Basler Nachrichten» |336 ist eine echte Baslerei: ein wenig Wirtschaftsbetrachtungen, ein wenig Anti-Sozialismus, ein wenig literarischer Basler-Witz, zuletzt ein gerührter Seitenblick («wenn alle Mittel stille stehn») auf den lieben Gott via Paul Gerhardt.
Wenn du dir antiquarisch einen Tertullian verschaffen kannst, so tus doch ja. Er ist zum Verständnis des echten Pietismus höchst notwendig. Ich lese weiteres von ihm und finde neben einigem Sonderbarem alle guten Geister wieder: Oetinger’schen Realismus, Menkens Widerstand gegen den Zeitgeist, Kierkegaards Protest gegen die Weltkirchlichkeit, Blumhardts Wiederkunfts- und Geistesgedanken. Das Latein ist etwas schwierig, oft mehr zu erraten als zu verstehen, aber du warst ja auf dem Basler Gymnasium. Wenn du einmal etwas schreiben wirst über diese Dinge, wirst du jedenfalls dort einsetzen müssen.
Mit herzlichem Gruß