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12. Februar 1919
Ich habe dir noch gar nicht gedankt für deine Predigten, die ich doch mit größter Teilnahme und Freude gelesen habe, und die ich da und dort abwerfe wie ein Zeppelin seine Bomben. […] Erstaunlich ists schon, wie E. sich mit dem Römerbrief
📖 herumschlägt und alle Trümpfe der modernen Theologie wie verzweifelt noch einmal ausspielen muß. Ich habe ihm zur Antwort nach deinem Rat das Rätsel noch einmal aufgegeben und ihm empfohlen, sich nur getrost in den Jakobusbrief zu versenken, er werde dem Gespenst auch dort begegnen. Vielleicht schreibst du ihm ein freundlich-kräftiges Wörtlein […], ganz umsonst ists vielleicht |318 nicht. […] Gestern habe ich zum ersten Mal seit langem wieder im Arbeiterverein geredet. […] Nächsten Dienstag soll ein Rückblick auf den Generalstreik folgen. So habe ich Gelegenheit, meiner verschämten Lust an politischen Exposés im Stillen zu frönen vor einem höchst dankbaren und zugänglichen Publikum. Die Predigt über «Propheten und Pharisäer» interessiert dich wohl auch, obwohl lange nicht alles gesagt ist zu diesem Thema. Die Worte vom Kleid und vom Schlauch [Matth 9,16–17] haben m. E. mit dem von den Hochzeitsleuten [v. 14f.] direkt nichts zu tun. Ich behandle sie nächsten Sonntag für sich, seltsamerweise diesmal in Übereinstimmung mit Joh. Weiß.1 Es ist mir sehr fraglich, ob sie sich überhaupt auf die Fastenfrage bezogen haben (bes. die Lukas-Parallele mit ihrem köstlichen «der alte ist milder» [Lk 5,39] scheint mir dagegen zu sprechen, das paßt doch einfach nicht zu dem Gegensatz zwischen der Messiaszeit und der Askese Matth 9,14–15). Liegt nicht eine ganz allgemeine Warnung vor vor dem Experimentieren mit dem Göttlichen, vor Einzelprojektionen und -Eruptionen? Das χεῖρον σχίσμα, ρ’ήγνυνται, ἐκχεῖται, ἀπόλλυνται
v. 16–17 wären dann Ereignisse wie die Spartakusrevolten !!2 Doch ich will mirs noch näher überlegen. Der Artikel aus dem «Freien Aargauer»3 ist wichtig zur Lage. [Sein Verfasser] Schmid4 ist ein ziemlich unabhängiger Mann. […] Laß bald von dir hören. Wie gut, daß ihr nicht in Frauenfeld, sondern noch erreichbar seid.
Herzlichst