311
28. Januar 1919
[…] Ad Monatsblatt:1 ja die Sache sieht aus wie ein Waffenstillstandsangebot. […] Was wollen sie? Dich sagen lassen, was du zu sagen hast, um es zu hören? Oder eben doch wieder nur das kirchliche Gleichgewicht, das durch uns beide gestört ist […]? I. Für eine Mitarbeit unter Kompromissen scheint mir nun einfach 1. die von uns tant bien que mal vertretene Sache zu fein. Ich denke schon an den alten Blumhardt und an Adolf Preiswerk und ihre Mitarbeit an allerlei Sonderbarem. Aber können wir ihnen das heute noch nachtun, vom Gesichtspunkt des καιρῷ δουλεύειν [Rm 12,11, varia lectio]? Sind wir noch oder wieder in der Lage, mit allerlei Volksfreunden zu volksfreundeln? Geht dabei nicht notwendig etwas unters Eis, das wir jetzt mit Reserviertheit hüten müssen? 2. denke ich, daß deine Zeit und deine Kraft für eine teilweise Leitung des Blättchens zu kostbar ist. 3. wollte ich jedenfalls nicht in dem Ding sein ohne volle Ellenbogenfreiheit […]. II. Doch man könnte ja in der Tat auch hier an eine offene Türe glauben, […] wobei nur zu erinnern ist, daß diese Türen noch nie die ersten gewesen sind, die aufgingen. τίς ἡ πρόσλημψις εἰ μὴ ξωὴ ἐκ νεκρῶν; (Röm. 11,15). Obs ernst gemeint ist, das wird sofort zu erfahren sein durch kräftige Bedingungen: 5000 Lokomotiven, 200 Dampfpflüge, 150 Unterseeboote, Rückzug über den Rhein und Brückenköpfe mit 10 km Radius. Also: Suspendierung des Einspracherechtes der famosen [Redaktions-] Kommission, volle Freiheit aufzunehmen und abzulehnen […] Summa: alleinige Verantwortlichkeit von dir. Unter diesen Voraussetzungen ließe es sich denken, daß der Sache gedient werden kann, daß du dich mit vollem Ernst der Aufgabe zuwendest, dieses Blättlein gut zu machen, und daß auch ich dabei wäre. III. Die letzte Frage ist natürlich die, ob du das Unternehmen, nicht nur den Leutwilern, sondern dem reformierten Volk des Aargau zu predigen, wagen willst. Je größer die Unverantwortlichkeit gegenüber den Pfarrern, die du dir verschaffen müßtest, umso größer natürlich |312 die Verantwortlichkeit gegenüber der Sache und den Menschen. Zwinglikalender! Damit, daß wir den Herrn Jesus mit der Spritzkanne2 abschaffen würden, wäre noch nicht gesagt, daß sich der wirkliche Christus zu unserm Blättlein bekennen würde. Das wissen wir nachgerade aus unsern Gemeinden. Ich für mich würde mir wahrscheinlich gerade diese letzte Frage zum Grund werden lassen, abzulehnen. Der Kampf um das Wort wird mir in Safenwil so schwer, ich leide bei jeder Predigt so unter dem Bewußtsein der Differenz von Verheißung und Erfüllung, daß ich mich oft eher zurücksehne nach den Fleischtöpfen Ägyptens, wo man den Leuten doch «etwas» zu bieten hat, als daß ich Verlangen trüge, den gleichen Kampf auf breiterer Front und unter noch viel schwereren Bedingungen aufzunehmen. Wenn du dich berufen fühlst und mich dann wieder zur Mitarbeit rufst, so will ich es meinerseits als Berufung annehmen und mitmachen. Von mir aus würde ich dieses Roß nicht besteigen.
[…] Heute bekam ich 450.– Fr. Kinderzulage. Denk vielleicht schaffe ich mir daraus den Lietzmann-Kommentar3 an, der mir doch fehlt. Schlatter kann ich wohl eher noch eine Weile entbehren. Oder was meinst du? Ich sollte doch für meine Exegesen das letzte Wort der Wissenschaft wenigstens auch zur Hand haben.
Wernle: der beiliegende Brief von Wirz4 macht doch nicht den Eindruck, als habe die Sache so verheerend gewirkt. Wenn das Buch
📖 nur ausspricht, was der Redaktor des Kirchenblatts «im tiefsten immer meinte», dann ist das eine überraschende Erfüllung von Röm. 15,14–15 und eine rechte Beschämung für meine ungläubige «Voraussicht». Und wie hat nun Wernle, der mich eines Seminars gewürdigt,5 im Voraus glühende Kohlen auf mein Haupt gehäuft! Möchte ich doch ein anderes Mal nichts solches mehr schreiben, damit die 1/4 offenen Türen nicht alle wieder zuklepfen. Es war der Anblick von Wernles Verstocktheit, den ich von Basel mitnahm, der mich diesen Rückfall erleben ließ, wo ich doch in Zukunft nur noch milde («wehmütig», wie du in Aarau sagtest) reden wollte.
313Neueres zum Römerbrief
📖 liegt nicht vor als die Mitteilung von Bäschlin, daß er in seinem Laden alle Tage 1-2 Exemplare verkaufe und daß die Bestellungen auch von auswärts tüchtig eingingen.
Heute Abend erwarten wir Dr. Lejeunes. Wo bleiben deine Predigten? Willst du mir dann gleich etwa 6 Ex. schicken für hiesige Liebhaber christlicher Wahrheit und Gottseligkeit? […] Die Apostelgeschichte bewährt sich als ein vortreffliches Buch voll Eigenart und Universalismus. Ich bin jetzt am 4. Kapitel
📖. Zündel leistet wieder unschätzbare Dienste. Sollte man nicht einmal eine Neuausgabe der Zündel-Bücher veranstalten, unter Beifügung von Stellenregistern, die man jetzt schwer vermißt? Das wäre nützlicher als den Römerbrief ins Englische zu übersetzen und würde sicher gekauft und gelesen.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus