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15. Januar 1919
Wie lange habe ich dir nicht mehr geschrieben! Nun will ich […] dir ein paar Mitteilungen machen.
Wir waren also in Basel letzte Woche. Ich freue mich, nun öfters hinzukommen.1 […] Ich nahm an der um den Hahnenschrei stattfindenden Bibelstunde von Ernst Staehelin und Genossen […] teil und hatte Freude, obwohl mir das baslerisch-erasmische Häuchlein, das über den dortigen Forschungen liegt, etwas neu war. Bald darauf sah man mich im Kolleg bei Wernle, der über Melanchthon und die Augustana
📖 allerlei Pragmatisches[…] vorbrachte. Nachher machte ich den üblichen Lauf durch die Gassen |310 und Gäßlein mit ihm, fand aber nichts als müde Resignation. […] Er bekannte übrigens mürrisch, den Römerbrief
📖 noch nicht gelesen zu haben. […] Am Nachmittag war ich mit Markus im Zoologischen Garten und hatte fast noch mehr Freude als das Kind: am Büffel, an den Flamingos und Kranichen, an der Giraffe und am Gnu, das ist ja wundervoll diese Urgedanken des lieben Gottes, voll δύναμις und θειότης! Wollen wir nicht einmal eine gemeinsame Pilgerfahrt mit unsern Unterrichtskindern an diese Stätte der Offenbarung machen? Am Abend erlebte ich Stunden voller Gnade und Weisheit mit Adolf Preiswerk.2 […] Nelly und ich staunten freudig über seine bollische Fülle, wenn auch etliches (Kirche! Sozialdemokratie!) nicht recht ins Klare kommen wollte, sondern in einem Nebelein von göttlicher [Einfalt] und preiswerkischer Naivität verborgen blieb. […] Der Römerbrief war scheinbar noch nirgends gelesen, so ist darüber nichts zu sagen.
Hier ist viel Arbeit. […] Lejeunes sind nun wieder zurück, wir waren gestern Abend bis 12 Uhr nachts dort mit einem Gespräch über Kaiser Wilhelm, über den sie schimpften, und an dessen Figur ich ihnen die Wahrheit über Schuld und Vergebung demonstrieren wollte. Schließlich wurde mir konzediert, ja wenn man so grundsätzlich sein wolle, habe ich eigentlich recht, aber … Im Übrigen beschäftigen mich Predigten über Joh. 14, die Unterweisung, die Bibelstunde über die Apostelgeschichte und die Erforschung von 1.Kor. 15. Von der Kirchenpflege demissionieren vier Mitglieder, nur zwei bleiben: ein Sozialist und ein Bauer, letzterer ungefähr mit der Motivierung Gamaliels [vgl. Apg 5,34–42]. Eine schöne Katastrophe, die aber kommen mußte. In einer Ersatzwahl in den Gemeinderat gabs wieder einen entschiedenen Sieg der Sozialisten, was die Stimmung der «rechten Leute» gegen mich nicht besser machte. […]
Und nun lebt wohl! Wir grüßen euch alle herzlich. […]