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11. November 1918
Lieber Freund!
Von der Grippe aufgestanden, müssen wir nun doch in diesen außerordentlichen Zeiten rasch wieder Fühlung gewinnen. Aber um uns was zu sagen? Da steht man staunend, nichtwahr, und kann nur konstatieren, wie sich das Gesicht der Welt zusehends verändert: auf dieser Seite der Dinge. Aber die andre Seite: der Sinn und Inhalt, die eigentliche Tendenz von dem Allem, die Bewegungen im Geisterreich, die sich jetzt vollziehen, die Türen Gottes, die sich jetzt öffnen oder schließen, der Fortschritt oder Stillstand in der ἐλευθερία τῆς δόξης τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ [Röm 8,21]? Wer jetzt mit einem Zentralblick hineinzuschauen vermöchte in den Grund der Weltverhältnisse, um dann von dort aus zu reden, zu handeln! Ich war dankbar, gestern noch nicht predigen zu müssen, und es graut mir vor dem nächsten Sonntag, obwohl ich darauf dringe, daß die Kirche jetzt wieder geöffnet wird. Gestern und heute las ich ein Kolleg von Beck über die Apokalypse, von meinem Vater nachgeschrieben. Es ist mir, wir kommen einfach zu spät mit unserm bißchen Einblick in die Welt des N. T. Wie sollte man jetzt mit vollen Händen schöpfen, deu|300ten, erhellen, Wege weisen und öffnen können — und wie mager fließt das Bächlein der Erkenntnis. Wie hat nun unser Kutter so offenkundig gepfuscht in seiner Stellung zu den bisherigen Ereignissen, und wir sind eigentlich nur darum vor ähnlicher Desavouierung bewahrt, weil wir uns nicht so weit vorgewagt haben. Was haben wir jetzt dem Strom von «Richtigkeiten», der sich nun von Ragazischer Seite alsbald triumphierend ergießen wird, entgegenzustellen? Hätten wir uns doch früher zur Bibel bekehrt, damit wir jetzt festen Grund unter den Füßen hätten! Nun brütet man abwechselnd über der Zeitung und dem N. T. und sieht eigentlich furchtbar wenig von dem organischen Zusammenhang beider Welten, von dem man jetzt deutlich und kräftig sollte Zeugnis geben können. Oder gehts dir anders? Du stehst doch insofern mit reinerem Gewissen da, als du nicht wie ich fast alle Tage Druckbogen eines Buches
📖 lesen mußt, mit dem sie wahrscheinlich zu dieser Stunde im Himmel bereits «fertig» sind. Fast mit Befriedigung fahre ich jetzt auf dem Velo da und dort herum, um bei den letzten Maßnahmen gegen die abziehende Grippe mitzuwirken. Eines Tages erwachte ich als Präsident einer elf(!)köpfigen Notstandskommission mit 6000 Fr. Bar-Kapital, das von unsern Fabrikanten aufgebracht wurde. Der Mammon fängt vor Torschluß auf einmal an zu wackeln auf seinem Thron, und nun wird auf Tod und Leben Suppe gekocht im Schulhaus für alle, die wollen, und weitere nützliche Werke mit Kleidern etc. sollen folgen. Ob so dem Einzug des Bolschewismus in Safenwil gewehrt werden kann? (Bengel zu Apg. 2,45: «Imminentes temporis calamitates non ad parcimoniam, sed ad liberalitatem prudentiores permovent».) Sind unsere Safenwiler Häuptlinge schon bei den prudentiores, oder kommen sie wie ihr Pfarrer zu spät?
Die Post trifft ein — wieder ohne Zeitung.1 Was mag in Basel los sein? Die Hasenangst der «Basler Nachrichten» ist ein ergötzlicher Punkt im Weltbild. Wie mag Kutters gestrige Predigt getönt haben? Ob und wie er wohl den Rank gefunden hat, die Mächte und Gewalten dieses Aeons Schau zu tragen öffentlich [vgl. Kol 2,15]? Denk, ich war auf dem Sprung, gestern früh nach Zürich zu rei|301sen, nur um ihn zu hören, wonach ich großes Bedürfnis hatte. Im letzten Augenblick fiel mir ein, daß ich zwei Taufen zu halten hatte, und so unterblieb die Reise. Ich werde nun aber Mittwoch und Donnerstag dort sein, um unsre Kindlein Fränzeli und Markus abzuholen, die man, als unsere Haushilfen auch krank wurden, dorthin (zu Pestalozzis) geflüchtet hatte. Ferner Zahnarzt, Zürichberg und ein Besuch an der Zollikerstraße.2 Wie, wenn du auch kämest? […] Wir hatten Besuch von unsrer Schwester aus Portugal; es wurde feine Musik gemacht, besonders Mozart diesmal, in den Nelly ganz neu hineinkommt. Das wunderbare A-dur-Konzert machte uns besondere Freude.
Nelly und ich sind wieder gesund, abgesehen von den Nachwehen. Die Haushilfen auf [dem Wege] der Besserung. Das Leben soll nun wieder beginnen. Aber wie und wohin die Fahrt? Was werden wir diesmal in der Adventszeit zu sagen haben? Suchs doch möglich zu machen, daß wir uns bald einmal sehen.
Mit herzlichem Gruß an euch beide und Dorotheeli