301
14. November 1918
Dein Brief war mir viel wert, weil er aussprach, was auch meine tägliche Verlegenheit ist. Alles rächt sich jetzt, was wir und die vor uns nicht getan haben. Was sollen wir denken? Was haben wir zu sagen? Wo ist der schmale Weg, der durch die ganze Verwirrung hindurchführt? Wer kann ihn zeigen und wer geht ihn? Und wenn ihn niemand zeigen und gehen kann, ereignet sich dann nicht alles umsonst, was ringsum geschieht? Und wäre es nicht das Traurigste, wenn all dieses Stürzen und Brechen und Sich Erheben, auf |302 das wir doch alle gewartet haben, ohne «Frucht der Gerechtigkeit» [Hebr. 12,11] bliebe?
Du warst in Zürich — bist du wirklich hingelangt? Was hat sich dir da gezeigt und erschlossen? Ich denke mir, daß Kutter einiges Entscheidende zu sagen hat. Auch wir sind vollständig ohne Zeitung seit gestern. Vielleicht ist in Zürich und Bern bereits ein Sowjet eingesetzt, während wir hier das ancien régime noch unversehrt haben. Wollen wir uns nicht gegebenenfalls an die Mächtigen in Olten1 wenden?! Ich lese viel in Carlyle’s «Französische Revolution».2 Daneben bis vorgestern die Zeitung — und also auch das N. T. wie du und mit gleichen Empfindungen. Ich nehme an, der Landesstreik werde zwar nicht mit Einsetzung von Sowjets, aber doch mit starken Resultaten und mit entscheidender Erschütterung der herrschenden Gewalten enden. […]
Wir grüßen euch herzlich!