31. August 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

291
Lieber Karl,

Ja, die Pfärrer und wir — auch mir ist Lenzburg wie ein dumpfer Traum. Es ist einfach etwas pöbelhaft-ungehöriges in diesen Zusammenkünften — der Sache gegenüber, um die es ginge. […] Wir und unsre Gemeinden — ein weiteres fragwürdiges Blatt, und doch lieber allerlei offene Wurstigkeit und Lähmung und sogar unverschämtes Zeug als — kirchliche Bezirkstage! Der kirchliche Eifer, in den deine immerhin teilweise aufrichtigen Episkopen den neuen Ton verwandeln, und der sich sogar gröblich gegen dich selber kehren kann, hat ja etwas Tragisches, aber schließlich stehen wir doch über diesen Mißdeutungen.

Denk, ich habe die Predigt am Jugendtag in Regensberg übernommen unter der Bedingung, daß ich erstens eine volle Stunde für den Gottesdienst bekomme, damit er werden kann, was er soll, eine Sammlung auf die Hauptsache. Zweitens, daß ich nicht predigen muß über das ausgegebene Thema: «Jesus Christus unser Held und Führer!» sondern zum Thema: «Herr, ich bin zu jung!»1 Ich habe den CVJM-Leuten eingehend die geistige Stelle beschrieben, an der ich zu finden sei, wo es nicht heiße: wir haben Jesus, haben unsere Reformatoren, sondern: Haben wir wirklich Jesus? haben wir die Reformation? Vielleicht wollen sie nun nachträglich doch lieber einen andern als mich.

Ich predige morgen über den Segen Gottes (Ps. 127), ob ichs wirklich herausbringe?

Herzlich dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Thurneysen predigte dann (am 22. September 1918) unter dem Thema «Was sagt Gott zu uns?» über Ri 7,1-7. Die Predigt ist abgedruckt in: Die Glocke, Jg. 27, Nr. 1, Okt. 1918. 📖 ↩