4. September 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

292
Lieber Eduard!

Ich war von Sonntag bis Montag nochmals in Madiswil und wurde von den Idealisten daselbst in einem bis nachts 1 Uhr dauernden Rede-Fest heftig angeklagt wegen unserer labilen Ethik. Karl Lindt belehrte mich, daß nach altreformierter Auffassung die Fragen der Erlösung und der sittlichen Aufgabe stets aufeinander bezogen werden müßten. Wir sind ihnen als Freischärler sichtlich nicht angenehm, und die weitgehendste Übereinstimmung in den Erkenntnisgrundsätzen wird sie nicht darüber beruhigen, daß wir ihr akademisches Gleichgewicht der Probleme so offenkundig verschmähen. An einer Darstellung der griechischen Philosophie, die ich gestern las, kams mir zum Bewußtsein, daß wir wohl näher bei Sokrates als bei Plato stehen. Die Schule wird dieses Stehenbleiben immer mißbilligen. […]

Herzlichen Gruß
dein
K. B.