30. August 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Gewiß unter erleuchtenden Gesprächen bist du am Montag mit den beiden Jünglingen ins Seetal zurückgekehrt. Was für ein merkwürdiges Bild, dieser unser jäher Einfall in das Gebiet der Pfärrer [Pastoralversammlung in Lenzburg]. Noch dröhnt mir ihr Geschrei: «Morgenglanz der Ewigkeit … » in den Ohren, samt dem Jauchzer von der Gasse, der ihm antwortete. Wie fatal und wie komisch das alles und wir selbst mitten drin, gleich hilflos gestikulierend, vergeblich gegen den Strom schwimmend, der uns hat, ob wir wollen oder nicht, und je heftiger wir […] zanken, umso mehr! Was nun? Wollen wir diesen Film noch mehr geben? Oder nicht? Oder einen andern? Sollte es um der paar Jüngern willen nicht ganz aussichtslos sein, wenn wir diese Art |290 Mitarbeit irgendwie fortsetzen, oder ist vorläufig doch alle Bemühung um die Gesamtkirche umsonst, wie ich mir vor drei Jahren zu versichern suchte, als ich mich in die Kapsel verschloß, aus der ich nun doch wieder hervorgelugt habe?

Unterdessen hatte ich auch hier wieder einmal Verdruß mit meiner eifrigen Kirchenpflege, der ich die Bewilligung für 14 Tage Ferien in peinlicher Weise förmlich abringen mußte, wobei es ohne Unverschämtheiten, wie sie wohl nur im Aargau möglich sind, nicht abging. Die Art der hiesigen Eifrigen verbunden mit der Teilnahmslosigkeit der Übrigen hat etwas Lähmendes, dem ich mich oft durch irgendeine Flucht entziehen möchte.

Nun hat endlich in Bern das Drucken begonnen und für mich das Korrigieren. Gedruckt sieht alles noch gspässiger1 aus als geschrieben. […] Was nun? Ich bin müde, und die Verständnislosigkeit meiner hiesigen Kirchensäulen hat mir die Aussicht auf die Ferien zum vornherein einigermaßen vergällt. Zuerst ist ja auch noch die Bettags-Mißlichkeit zu überwinden. Aus einem gemeinsamen Aufenthalt wird nun wohl nichts werden. […] Ich muß auf alle Fälle ein paar Tage in Bern sein. […]

Am Dienstag waren wir per Velo in Madiswil und hörten Heiner aus seinem Platobuch 📖 vorlesen. Das wird eine gute Sache mit vielen Hintergründen und Perspektiven, auf die wir getrost Vertrauen setzen dürfen. Der Kontrast zu der Barbarei des Pfarrertums im allgemeinen wurde mir peinlich bewußt. Wie primitiv waren die geistigen Voraussetzungen, mit denen wir in Lenzburg verhandelten! Fast wäre man versucht, als erste praktische Parole […] die auszugeben, wir sollten doch um Gottes willen wieder ernster studieren. […]

Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite und euer gefreutes Dorotheeli
dein
Karl

Sachfußnoten

1
= wunderlicher.↩