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23. Juli 1918
Ich bin wieder gesund, noch nicht völlig, aber fast, jedenfalls wieder emsig an Römer 8
📖. […] Heiner ist da und lag ebenfalls darnieder. […] Am Sonntag war nun einmal einfach keine Pre|287digt [wegen der Grippeepidemie]. Das Läuten wurde scheints sehr vermißt. Die Angst der Safenwiler, besonders der besseren, vor der Seuche ist groß. Sie haben eiligst die Schule geschlossen, und auch die Unterweisung muß ich nun zutun, was mir zwar augenblicklich ganz recht ist. In den Fabriken wird gegurgelt, was das Zeug hält. Niemand will sterben.
Mit Heiner ists diesmal sehr erfreulich. Wir begrüßen uns täglich in längern Gesprächen von Bergen zu Bergen hinüber, wundern uns über einander und lassen uns doch wieder gelten, er mich als «Orphiker», wie es solche zu Platos Zeiten gegeben habe, die dem Philosophen durch unentwegte metaphysische Behauptungen den Rohstoff zu seinen feinen Turmbauten liefern mußten. Dem Paulus traut er nicht recht, das sei so einer aus Kleinasien, aus der gleichen Gegend, wo auch die Magna Mater und der «Gott mit der Mauerkrone» verehrt wurde. Oft scheint aber der ganze Gegensatz auf den zwischen unserer beweglichen bildhaften Ausdrucksweise und seiner korrekten, auf ein System der Erkenntnis hinzielenden [Ausdrucksweise] hinauszulaufen. In den Ergebnissen sind überraschend viele Parallelen. Sogar eine unsichtbare Körperwelt kommt bei ihm jetzt vor. Und daß wir gegenüber Bergson und Genossen mit den Idealisten zusammengehören, das ist uns auch deutlich geworden. Wo steckt eigentlich der Gegensatz? Ich höre nur immer die Einladung zur richtigen Begriffsbildung, und das ist nun allerdings bisher unsre «Arbeit» nicht gewesen. Müßte sie es werden? Und wenn nicht, an was «arbeiten» wir eigentlich?
Morgen treffen auch noch Karl Lindt und Trudi hier ein, ein sehr gewichtig tätiges Brautpaar nach allem, was man hört. Hätte ich nur meine Abschreiberei schon hinter mir! Gerade weil es kein Systembau ist, sondern alles im Fließen, ist das Wiederkäuen eine wenig förderliche Arbeit, bei der ich oft im Zweifel bin, ob der liebe Gott das nun wirklich wolle oder ob das Ganze nicht besser als gelungene Schreibeübung in einer Schublade verschwunden wäre. Ich jedenfalls bin fertig mit dem Buch
📖, sowie es fertig ist. Wie freue ich mich jetzt schon auf all das Mensch|288liche und Wissenschaftliche, das ich für nachher vorhabe! Schreibe mir doch noch wegen des Vorworts etwas Wegweisendes. Ich habe zu wenig Überblick. […]
Am Montag vor 8 Tagen waren wir in Madiswil,1 hatten Gespräche mit Mutter Rade und vernahmen, daß die deutschen Theologen noch immer grundsätzlich an nichts seien außer an allerhand Fakultätsgeschichten. Otto2 ist Nachfolger Herrmanns, Stephan nicht Nachfolger Ottos geworden, Loew wird Privatdozent in Berlin3 und Bornhausen sieht Allem mißtrauisch und feindselig zu. Über die Systeme aller dieser Systematiker war nichts zu erfahren. Der «religiöse Besitz» sei ihnen allen gottlob unzweifelhaft. «Das hätte gerade noch gefehlt, daß wir auch noch religiös unsicher geworden wären.»
Mit herzlichem Gruß an dich und Marguerite