10. Juli 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Karl Lindts Aufsätze1 haben mich sehr interessiert. Ich dachte an deine Ausführungen 📖 zu Röm. 4, die mir noch ganz gegenwärtig waren. Ich frage mich: werden wir den kritischen Idealisten ganz gerecht? Aber was du dort über sie sagst, ist ja vorerst nur ein Wort von den mancherlei Worten, die noch über sie gesagt werden müssen, um sie teils selber zur bessern Entfaltung ihrer Gedanken zu nötigen, teils um ihnen voll gerecht zu werden. Es wird da noch manches Gespräch zu führen geben, wenn einmal deines Bruders Platobuch 📖 vorliegen wird. Wir sind |284 ja alle noch im Fluß und müssen uns aneinander über uns selber klar werden.

Die Safenwiler haben scheints bei meiner Leichenrede festgestellt, man könne uns vertauschen. Das ist merkwürdig und gut. Ich kann dir diese Ansprache gelegentlich zeigen; es waren ein paar allgemeine Worte über Tod und Leben, wie du sie offenbar in gleicher Verlegenheit auch brauchst. Wir bleiben wohl am besten dieser unserer Art zu reden treu. — Ich bin heute 30 Jahre alt. Wo werden wir nach abermals 30 Jahren sein?!

Herzlich
Eduard

Sachfußnoten

1
Unveröffentlicht. Laut Mitteilung von Prof. Dr. A. Lindt (Münster) liegen aus der in Frage kommenden Zeit folgende Manuskripte von K. Lindt vor: 1. ein Kurzreferat «Religion und Sozialismus» auf einem Diskussionsabend vom 21.11.1917, 2. ein überschriftloser Vortrag in der C.S.V. vom 7.2.1918, 3. eine Betrachtung, mit der Lindt am 12.3.1918 auf der Aarauer Studentenkonferenz den Vortrag von K. Straub «Die religiösen Grundlagen des Sozialismus» einleitete.↩