3. Mai 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Nun ist die Frauenfelder Delegation doch noch gekommen. Sie saß scheints an zwei Sonntagen bei mir in der Predigt. Und als Ergebnis ihrer Kundschaftung traf gestern der Brief bei mir ein, der mir ankündigt, sie wollten mich zum Pfarrer haben. Mir scheint, es gebe drei Erwägungen: entweder: ich sei hier an einem gewissen Ende meiner Arbeit angelangt. Das kann ich nicht sagen. Oder: es tritt der Mann aus Mazedonien mit seinem Ruf «Komm herüber und hilf uns!» [vgl. Apg. 16,9] auf den Plan. Diesen Ruf habe ich aber aus den Frauenfelder Äußerungen nicht hören können. Endlich könnte es das innere Gewicht der Sache sein, das, wie Kutter sagt, «imperatorisch» unsereinen in die Städte und in die Märkte drängt. Ich denke aber an unsere Arbeitsgemeinschaft, die ich keinesfalls leicht aus der Hand gebe. Überdies ist in meinen Augen Frauenfeld so etwas wie ein ostschweizerisches Aarau. Das ist auch nicht verlockend. Hat die Frauenfelder Kirchenpflege wirklich verstanden, was ich zu vertreten habe? Am letzten Sonntag hörten ihre Abgesandten eine Predigt von mir über 1.Sam. 25,2ff., in der die Gesellschaftsfrage von heute deutlich aufgerollt war. Glücklicherweise liegt unser Predigtbüchlein 📖 vor, das sie gelesen haben müßten, um sich über meine Verkündigung klar zu werden. Ich möchte dich gerne sehen. Kann ich am kommenden Sonntag zu dir kommen? Ich freue mich auf ein Wiedersehen und auf deinen Römerbrief 📖.

Herzlich
dein
Eduard