1. April 1918

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Ihr werdet gewiß den Ostermontag nach Abschluß all der Offensivstöße auch recht genießen und zu allerhand Retablierungsarbeiten verwenden, wozu auch Briefe gehören. Gern und freudig mache ich mit euch den Anfang. Es waren so schöne Stunden am Samstag bei euch drüben, und ich kam vom gehabten Austausch und der freien Bewegung freudig gehoben wieder zurück. Habt vielen Dank; wenns irgend sein kann, verschaffe ich mir solchen Ausbruch nächstes Jahr wieder, hoffentlich sind wir dann noch alle an Ort und Stelle, ihr nicht etwa in dem langweiligen Frauenfeld (schon beim Namen muß man ja gähnen!). Den Heimweg über den Böhler konnte ich trotz Wind und Regenguß in der respektablen Frist von 2 St. 40 Min. zurücklegen, ohne übernormale Erschöpfung und wurde […] liebreich empfangen. Die Osterpredigt gestern Morgen kam dann aus der schönen Ruhe heraus mit einiger «Parrhesie», wie die Pietisten sagten, daher; […] aber wir sind also gewitzigt, daß das «es» nicht ist, und [wir] |273 uns keinen «Kaiserschlacht»-Stimmungen hingeben, da ist der Teufel dahinter. Beim Abendmahl verbreitete das Gedicht von Blumhardt aus den «Gedanken»1 Klarheit und Freudigkeit. Hätten wir nur mehr solches darzubieten, im Ganzen sind doch eben die Schätze der Kirche nicht gerade reich, und alle an sich sehr begrüßenswerten liturgischen Reformen werden daran scheitern, daß wir dafür so wenig nicht bloß stimmungsvoll sein wollendes sondern intelligentes Material besitzen. Der Ausflug nach St. Urban mußte wegen des Wetters unterbleiben. […] Ich habe immer die Halluzination, wir sollten einmal unsre Kinder und vielleicht auch Kirchenpfleger irgendwo auf einem hohen Berg zusammenführen, um ihnen einen Ausblick auf die wirkliche una sancta catholica zu gewähren, nach dem man jetzt mit Bezirkstagen etc. vergeblich hascht. […]

Diese Woche erwartet mich allerlei: morgen Vormittag eine «große» Hochzeit einer frühern Konfirmandin, die nun unsere Nachbarin wird, nachmittags wieder so eine seltsame Beerdigungsszene auf dem Friedhof vor der katholischen Rothackerkirche mit lauter katholischen Zuhörern, zu Ehren eines protestantischen Wirtes, der nie in die Kirche kam und überhaupt nicht viel wollte als Geld verdienen, die Situation wird wieder ganz missionsmäßig sein und insofern eigentlich verheißungsvoll — wenn nur der kirchliche Druck nicht dabei wäre und dafür mehr innerer Druck, um an all den Fesseln ein wenig zu rütteln. Am Mittwoch und Donnerstag muß ich dann als Präsident von Schulzimmer zu Schulzimmer wandeln, Händedrücke mit Bezirksschulrat H., Inspektor S. und andern Lehr- und Amtspersonen austauschen, zuletzt einem Examenessen mit heitern Worten vorstehen. O Humor! […]

Nelly schlägt Marguerite vor, an Vrenelis Hochzeit2 das Gdur-Violinkonzert von Mozart gemeinsam vorzutragen. Ich möchte lebhaft unterstützen. Es ist etwas vom Festlichsten, was ich kenne; ich durfte gestern ein paar Akkorde mitklimpern. Heute wandere ich mit Fränzeli nach Zofingen, meine Mähne soll gestutzt werden, und ich brauche neue Hefte für den Römer|274brief 📖!! Im Alkoholfreien werden wir eine feierliche Chocolade trinken.

Herzlichen Gruß
Euer
Karl

Sachfußnoten

1
Das neun Strophen zu je acht Zeilen umfassende Gedicht beginnt mit den Worten: «Auf! du Volk des Herrn!» C. Blumhardt, Gedanken aus dem Reiche Gottes …, 1895, S. 156–158. 📖 Blumhardt führt es (a.a.O. S. 156) folgendermaßen ein: «Wir haben uns die Hand zum Bunde gereicht, nicht mehr in erster Linie für uns und für die christliche Liebe einzutreten, sondern für die Liebe zu Gott, für die Agape, in welcher zuerst bedacht werden soll, was die Rechte und Wahrheiten Gottes sind, ehe an eigene Wünsche gedacht werden kann. Diesem Bunde gelten die folgenden Verse, die unserer Sehnsucht nach einer neuen Gestaltung der Dinge fürs Reich Gottes in der Agape entsprungen sind.»↩
2
Hochzeit der Tochter H. Kutters mit Theo Pestalozzi. Die Hochzeit fand dann erst im Herbst statt. Barths konnten wegen Grippe nicht teilnehmen.↩