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25. März 1918
Liebe Freunde!
Bevor ihr und wir in das große Getümmel der Feiertage gestürzt werden, soll es doch noch zu einer raschen Begrüßung kommen. Nelly kam so sehr erfreut und gehoben von «Boll-Leutwil» zurück und hatte mir so viel zu erzählen, auch zur Erleuchtung und Mahnung vorzuhalten von der dortigen Gnade, daß ich auch ganz lebhaft in eure Gemeinschaft versetzt wurde und mich aufs Neue unsrer freien Verbundenheit freute. Wer weiß, wer weiß — wenn ich mit all den Predigten wieder so rechtzeitig ins Reine komme wie letztes Jahr, so komme ich am Samstag wieder rasch auf ein — zwei Stündlein herüber gewandert. […] Es ist nur, weil ich das geistliche Gedränge nicht liebe und das Verluften zwischenhinein bei euch von damals in so guter Erinnerung habe, daß ich jetzt den Wunsch wieder spüre darnach. […] Wie traurig macht es mich oft, daß gerade das, was du so fein kannst, das Eingehen auf die Leute, das Alle ganz Ernstnehmen und mit ihnen Tragen, bei mir so ausgeschlossen scheint: ich und die Safenwiler betrachten uns immer nur wie durch Glas|270scheiben, das ists auf keinen Fall — aber ich studiere bis jetzt vergeblich, wie ich auch ein wenig Hosea werden könnte, was ich viel lieber wäre, als als Amos mit Geschrei das Herbstfest zu stören, worauf es offenbar hinausläuft bei mir. Es geht hier alles, was überhaupt geht, unglaublich intellektuell zu. Wir hatten z. B. wieder eine Kirchenpflegssitzung mit einem Referat über Zwingli, von dem unser Präsident mit offenkundiger Abneigung Abstand nahm, wobei es mir klar wurde, daß mir dieser Prototyp des Reformpfarrers [= liberalen Pfarrers] eigentlich auch sehr fern ist. Ich würde gern einmal von dir hören, was du in deiner Kinderlehrserie eigentlich bei ihm gefunden hast. Seine Glossen zum Römerbrief gehören jedenfalls auch zum Schwächeren, was darüber geschrieben worden ist: der hl. Geist ist für ihn z. B. ganz offenkundig = Frömmigkeit, ganz wie bei Wernle und Genossen. Und daß sich Ragaz so eifrig auf ihn berufen kann, beleuchtet ihn doch auch seltsam; es eröffnen sich da unheimliche Parallelen. Unser Referent hielt sich mit laienhafter Unbestechlichkeit an Zwinglis Leben und Taten, und ich wußte nicht genug von den Hintergründen, um das gespenstische Bild, das da entstand, etwas erfreulicher zu beleuchten. Vielleicht berufen wir dich einmal zu einer Sitzung, um das zu leisten, was ich da nicht recht fertigbringe. Das nächste Mal wird dann Calvin auftauchen, wo die Dinge ja allerdings anders stehen. Aber um so einen Mann zu «rechtfertigen», bin ich eben nicht der Geschickte. O Blödigkeit!
Konfirmandenunterricht — er eilt unter allerlei letzten Erwägungen dem Ende entgegen. Letzte Woche schrieb ich die Scheine: Rembrandts Himmelfahrt mit lauter «großen Sprüchen» aus Ephes. 1-3, immer drei Kinder zusammen den gleichen, um das individuelle Beziehen, das hier Jahr für Jahr nur verwüstend gewirkt hat, einmal zu ertöten. Wahrscheinlich lauert auch da ein Irrtum. Ich verwünsche heimlich die ganze Konfirmation, diese typische Ausgeburt des Pietismus. Ja, ja der Einzug in Jerusalem, ich denke schon daran, aber eben — es wäre eigentlich an der Taufe und am Abendmahl genug «Einzug», und die Kirche hat doch etwas Bedenkliches getan, als sie die Sakramente da noch |271 überbieten wollte, denn darauf läufts doch hinaus. Ein Knabe ließ mich gestern durch seinen Vater fragen, ob er nicht die letzten 3 Stunden fehlen dürfe — wegen eines Obstbaumkurses in Herzogenbuchsee!! So sehen meine Epheser aus! Ich ließ ihn freundlich wieder fragen, ob er nicht auch den Karfreitag1 bei den Obstbäumen zubringen wolle?
Der Römerbrief
📖 konnte letzte Woche noch bis 9,13 gefördert werden. Da kommen erstaunliche Dinge an den Tag, und ich bewundere die Zähigkeit, mit der Calvin seinen Standpunkt festhielt, die doch ganz berechtigt gewesen wäre, wenn nicht die fatale persönliche Heilsfrage, um die es ihm, aber nicht Paulus zu tun war, die Sache ganz schief beleuchtet hätte. Ich freue mich wie ein Kind auf die vier Wochen Zürichberg, in denen ich nachher dem allem nachgehen kann. Ich setze nämlich drei Sonntage aus! Am 7. [April] predige ich aber noch, wir haben Examen nach Ostern. Hat dir Nelly erzählt, wie ich vor 8 Tagen mit Erfolg für Lehrerbesoldungen und mit Mißerfolg gegen ein Schützenhaus eine Schlacht geliefert? Am Freitag mußte ich einen ganzen Nachmittag bei — einer Turnprüfung dabeistehen!! […]
Besuch von T. P. […] Ich empfand das Gute an unsrer «Aargauergnade» […], daß wir etwas mehr Sinn für das Transzendentale und etwas weniger Geschmack an Erlebnissen und persönlichen Abgrundsgeistestiefen haben. Das ist doch deutlich die Sphäre des Baums der Erkenntnis, von dem besser nicht genascht würde. […]
Ragazens Buch2 habe ich gekauft, gelesen und entsetzlich langweilig gefunden. Wie konnte er nur! Wie ich vernehme, ist er übrigens jetzt auch Mitglied der Helvetischen [Gesellschaft]! Da sind wir! —
Ja die deutsche Offensive!3 Wenn das nun gelingt, kanns gut werden. Wir werden dann etwas erleben mit der Pickelhaube. Jedenfalls ist dann für spätere Fortsetzungen des Kriegs gesorgt. Obs gelingt?
Schluß für heute. Ich wollte gestern in Predigt, Kinderlehre und Blaukreuz beharrlich vom Einzug in Jerusalem reden und |272 vom Abendmahl, es kam aber nicht, sondern blieb bei einem Deuten und Winken. Hast du in der englischen Kriegszeitung, die du wohl auch bekommst, die Bilder und Artikel über Jerusalem, Ölberg und Gethsemane betrachtet? Es war mir alles neu. Dort wird übrigens der Herr Jesus in gewaltiger direkter Apostrophe angerufen für die Entente. Die Verlegenheit im Himmel muß doch groß sein.
Mit herzlichem Gruß